briefe an claude 18

Claude,
werter Mensch,
du würdest mich und meinen Mist am liebsten mal lautstark ausbuhen.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich über diesen beachtlichen Schritt von dir freue.
Bist du dir überhaupt bewusst über die Grösse dieses Vorhabens?

Du würdest dir gerne eine Eintrittskarte kaufen, zu mir kommen und mich ausbuhen.
Claude!
Das ist deine erste Auseinandersetzung damit, aus dem Schatten der Anonymität zu treten. Du bist bereit, dir selbst ein Gesicht zu geben. Vorbei das Verstecken hinter „Gollum, Rita und Marco, Hassschleuder, Luna und Unbekannt“. Ich wünsche mir nichts Anderes, Claude, werter Mensch. Wenn mein Auftreten dich soweit bringen kann, dass du mir entgegentrittst, dann ist mein Werk vollendet.

Ich schwelge in Übermut, ich merke es.
Doch innerlich jubele ich nunmal, ich mag es dir nicht vorenthalten.
Es ist Ostern. Darf ich es als eine Form der Auferstehung sehen? Ja, es entspringt keinem gesunden Inneren, wenn wir uns verstecken müssen, du hast so Recht.
Auch ich habe Mühe mit modernem Theater oder Theater generell. Ich habe eh Mühe mit Schubladen, aber das weisst du ja. Nur wenige Menschen kennen mich so gut wie du. Nur Wenige geben sich soviel Mühe wie du, in all meine Details einzusteigen und mich überall zu hinterfragen. Ich liebe deine Aufmerksamkeit. Fühle dich umarmt dafür.

Darf ich das?
Darf ich dich umarmen, Claude?
Denn auch das wird möglich, werter Mensch, wenn wir uns zeigen.
Wir können uns nur dann begegnen und berühren, wenn wir uns gegenübertreten.
Solange wir uns noch verstecken müssen, in welcher Form auch immer, ist Begegnung nicht möglich.

Ach Claude, ich bin ganz aufgeregt.
Weisst du was?
Ich schenke dir den Eintritt.
Ja.
Das bist du mir Wert.
Ich schenke dir den Eintritt, komm zu mir, schau dir meinen Mist an und buhe mich aus.
Ich wäre der seligste Mensch auf Erden, Claude.

Deine Menschwerdung wäre mein Lohn.

Oder zweifelst du noch immer an dir, Claude?
Du schreibst, dass du dies manchmal am liebsten tun würdest.
Da ist noch viel Zweifel und Angst in deinen Worten.
Manchmal am liebsten tun würden…
Unser inneres Bedürfnis, unser geheimer Wunsch, der in uns brennt. Gell, Claude, daran reiben wir uns immer wieder? Ich kenne das so gut.
Es sind spannende Gefilde, diese Dinge, die wir manchmal am liebsten tun würden.
Sie sind unser Narrenstreich.
Das verborgene Tor in unsere innere Freiheit.

Was würdest du am liebsten manchmal einfach so tun?

Dein Gedanke ist grandios, Claude. Ich werde ihn in meine Arbeit übernehmen. Wenn mir Menschen auf diese Frage antworten, geben sie mir sofortigen Zugang zu ihrem inneren Gefängnis und ihrer Sehnsucht. Ich muss mich nicht mehr abmühen, das alles langsam Schritt für Schritt aus ihnen heraus zu kitzeln, nein, Claude. Mit deiner so schlichten Äusserung hast du mir eine Abflugrampe geschenkt, die direkt in den Kern der Menschen führt.

Claude, du bist grossartig.
Manchmal würde ich am liebsten mit dir zusammenarbeiten.
Ja, das ist meine geheime Sehnsucht.
Du inspirierst mich so sehr. Jedes deiner Worte öffnet mir einen ungesehenen Horizont. Jeder meine Briefe an dich ist eine Offenbarung an mich selbst.
Du bist Teil meines Lebens geworden, Claude. So schnell hat das noch nie jemand geschafft. Ich trage dich in mir. Noch schaffe ich es nicht, deine Stimme zu verinnerlichen. Noch habe ich nicht den Reflex, dich in mir zu hören und das, was du über dieses und jenes denken würdest. Und ich will es eigentlich auch gar nicht. Ich lass mich so gerne von dir überraschen.

„Hach, Mimi, schau, daran hast du nicht gedacht, stimmt. Wie gut, dass Claude immer mitdenkt. Wie gut, dass es Claude gibt, um deinen engen beschränkten Horizont zu erweitern. Welch ein Segen, dass dieser Mensch zu dir gefunden hat, während du in deiner kleinen Welt herumschipperst und ihn von selbst nie wahrgenommen hättest, weil es dir an der nötigen Neugier und Weltoffenheit fehlt, nach dieser Andersartigkeit im Menschsein zu suchen.“
Ja, Claude, das sage ich mir.

Meine Dankbarkeit gilt heute dir, Claude.
Dank dir kann ich heute zu dem Menschen auferstehen, der ich bin.
Dank dir darf ich mich äussern zu all dem, was ich bisher noch nicht ins Rampenlicht gestellt habe.
Dank dir kann ich eins sein.

Übers Theater reden wir morgen weiter.
Ich grüsse dich,
österlich und befreit,

mirjana

 

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