briefe an claude – 19

Claude,
werter Mensch,
ich sehe, du bist ein Mensch vom Fach.

Das Theater…
Ja, ich habe ein gespaltenes Verhältnis dazu.
Ich habe meine ganz eigene Vorstellung davon, was Theaterarbeit ist. Ein Vierteljahrhundert lang setze ich mich bereits mit dem Thema auseinander. Wahnsinn, gell?
Aber wem erzähle ich das? Du kennst dich weit besser aus als ich.

Meine Schauspielerei ist mittelmässig, sagst du.
Ja, Claude, so ist es.
Ich bin nur Mittelmaß, dessen bin ich mir bewusst. Deswegen mache ich ja lediglich Lesungen. Und auch nur in Kammern. Die Bühnen überlasse ich den talentierten Künstlern.

Doch weisst du, es ist ok so für mich. Ich kann mich dadurch entspannen, habe keinen Druck beim Auswendiglernen und brauche somit auch keine Angst vor Gedächtnisaussetzern zu haben.
Ja, ich lese ab.
Ich habe meinen Monolog bereits selbst geschrieben, selbst übersetzt, selbst vermarktet und jetzt lese ich ihn auch noch selbst, und zwar vom Blatt.
Ich war zu faul für richtige Schauspielarbeit. Zu faul, ein Bühnenbild zu bauen. Ein Kostüm und eine Beleuchtung zu bedenken. Mich mit Theatern in Verbindung zu setzen, die das Ganze dann hoffentlich mit ins Programm nehmen. Was sie eh nicht täten, da ich ja nur mittelmässig bin.

Ich war zu faul.
Und ich bin faul.
Noch immer.

Und ja, so verkaufe ich den Leuten ein halbfertiges Ding, das keinerlei Titel verdient. Was soll das schon sein?

Es klingt „wie abgelesen“. Nicht flüssig. Da könnte man ja gleich nur rezitieren. Es sollte nicht klingen, als würde der Vortragende einem festgelegten Schema folgen, das er gerade innerlich abruft. Soll es eine Mischung aus Lesung und Schauspiel sein?

Claude, du hast so Recht. Muss ich mich dessen schämen? Was meinst du?
Ich nenne es Lesung und am Ende lass ich doch durchblitzen, dass ich Schauspieler bin. Möchtegernschauspieler natürlich nur. Oder halt so einer von der üblen Sorte. Ausschuss.

Ich fand mich fair, wenn ich dann nur Lesung sage und mir einfach ein paar Freiheiten lasse, wenn es mich überkommt. Aber das ist auch nicht Recht, gell?

So ganz begriffen habe ich übrigens diesmal nicht, was du meinst. Ich habe extra im Duden nachgesehen, was genau „rezitieren“ heisst, da mir der Sinnzusammenhang deiner Worte entging.

Rezitieren heisst „eine Dichtung, ein literarisches Werk künstlerisch vortragen“. Laut Duden. Aber die haben ja auch keine Ahnung in dem Verein, gell?
Und ich dachte tatsächlich, ich hätte rezitiert. Ich dachte, da fällt jede Art von vorgetragenem Text darunter, aber das ist wieder typisch für mich. Ich bin nicht nur faul, ich bin auch noch dumm.

Es tut mir so Leid, Claude, dass du dich mit solch einem unfähigen Banausen wie mir abgeben musst. Ich sagte dir ja bereits gestern, wie gerne ich doch mit dir zusammenarbeiten würde. Ich bin heute noch mehr davon überzeugt, dass du mir ein guter Lehrer wärst. Mit dir als Regisseur würde ich mich sogar auf eine Bühne trauen. Du würdest mit Sicherheit das Beste aus mir herausholen. Und vielleicht wäre ich dann sogar ein kleines bisschen besser als nur Mittelmaß.

Vielleicht bin ich ein Hochstapler, Claude? Was meinst du?
Du vermutest eine narzisstische Persönlichkeitsstörung bei mir.
Selbst in Psychologie kennst du dich aus. Wir hätten uns so viel zu sagen, gell? Ich mag Psychologie auch gerne. Aber ich könnte noch keine Diagnose über dich abgeben. Auch da steh ich weit hinter dir in meiner Entwicklung.

Claude, versprichst du mir etwas?
Lass mich bitte nicht fallen, Claude, nur weil ich dir nicht das Wasser reichen kann. Bitte Claude, ich wäre sehr traurig darüber.

Danke, dass du dich trotz all meiner Makel weiter mit mir abgibst.
Du bist mein unumstrittener Held.
Ich verneige mich grüssend,
mirjana

 

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