briefe an claude – 21

Claude,
werter Mensch,
ich habe dich für meine Zwecke missbraucht.

Ich mag es nicht beschönigen, Claude, das wäre deiner nicht würdig.
Ja, ich habe dich benutzt. Schamlos. Ich gebe es voll und ganz zu. Und öffentlich. Auch wenn es meinem Image schaden wird. Egal.

Auch das ist eine der Lehren, die ich aus dir ziehe.
Wir sind nie komplett durchsichtig, nicht wahr? Auch wenn wir uns grosse Mühe geben, uns so zu zeigen, wie wir sind. Auch wenn wir es zu unserem Leitmotiv machen, echt und greifbar zu sein und voller Relief. Trotzdem bleiben Teile von uns im Dunkel. Trotzdem lassen wir Bereiche im Verborgenen.

Das Relief.
Es ist ein mir so wichtiges Bild.
Relief entsteht erst durch die Tiefenunterschiede. Flaches Land hat wenig Relief. Aalglatte Menschen auch nicht. Mir liegt viel an meinem Relief. Deswegen zeige ich ja so viel wie möglich von mir. Und achte darauf, immer auch auf meine Schwierigkeiten und Schatten hinzuweisen. Aber es genügt nicht, nicht wahr?
Ich genüge nicht, so wie ich bin.
Du hättest mich immer gerne anders.

Du sagst mir, dass dich mein Weinen eine Zeit lang berührt hat, doch inzwischen wird es dir anders, wenn du mich weinen siehst. Du fühlst dich beklemmt.
Claude, ich mache es immer falsch, merkst du das?
Einmal gefällt es dir, was ich mache, und an einem anderen Tag stösst dich genau dieselbe Sache ab.

Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, dein Kind zu sein. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen muss für ein Kind, wenn es heute eine Ohrfeige bekommt für etwas, wofür es gestern noch einen Kuss bekam. Das muss seltsam sein. Was meinst du, Claude?

Ich habe meinen Kindern von dir erzählt.
Wir haben einen recht offenen Umgang miteinander und so habe ich ihnen nicht vorenthalten, was du über mich denkst. Ich möchte ja auch ihnen gegenüber so greifbar wie möglich sein. Auch mit meinen Schattenseiten.

Wie seltsam, dass meine Söhne von Würde sprachen.
„Toll, Mutter, du zeigst deine Würde. Und dass du unverletzbar bist.“

Mmmmh, was sie damit wohl meinten, die Jungs?
So habe ich sie erzogen, musst du wissen. Ich habe sie gelehrt, dass niemand sie verletzen kann, nur sie selbst. Es liegt nur an ihnen selbst, ob sie den Anderen dazu benutzen, um sich weh zu tun.
Ich habe sie gelehrt, dass alles immer ihre eigene Entscheidung ist. Auch, wie sie die Welt sehen. Die Welt bleibt dieselbe, doch ihren Blickwinkel können sie jederzeit verschieben.
Ich habe sie gelehrt, dass Enttäuschung immer beim Enttäuschten stattfindet und niemals bei dem, dem wir vorwerfen, uns enttäuscht zu haben. Der Enttäuschte hat sich nicht die Mühe gemacht, genau hinzusehen.
Ich habe sie gelehrt, dass es an ihnen liegt, wie sie die Welt nutzen. Die Welt, das Leben und ihre Mitmenschen. Und natürlich sich selbst.

Nutzen sie sich, um sich zu entfalten?
Oder nutzen sie sich, um sich zu zerstören?

Wir haben früher stundenlang diskutiert über Werte, über Würde, über Liebe.
Ja, so lief und läuft das zwischen mir und meinen Kindern.
Hast du auch Kinder, Claude?

Ja, ich habe dich benutzt.
Jeden Tag benutze ich dich aufs Neue, um mein Relief herauszuarbeiten. Jeden Tag nutze ich deine Worte, um meine Lebensphilosophie in die Welt zu tragen. Immer wieder aufs Neue. Und ich werde dessen nicht müde. So wie du immer weiter suchst und gräbst, was es noch an mir auszusetzen gibt, so suche und grabe ich danach, was ich deinen Vorwürfen noch entlocken kann, um mich in Szene zu setzen. Ja, das mache ich. Ganz unverschämt. Ich nutze dich schamlos aus.

Ich halte das für meine grösste Stärke, Claude.
Genau dieses moralisch verwerfliche Ausnutzen eines anderen Menschen.
Ich wünschte, die Menschen könnten sich viel mehr dazu hinreissen lassen.

Ich nutze dich, um Kraft aus dir zu schöpfen.
Ich nutze dich, um meine Fantasie zu beflügeln.
Ich nutze dich, um Menschen meine Welt mitzuteilen.
Ich nutze dich, um persönliche Dinge von mir zu erzählen.
Ich nutze dich, um öffentlich meine Unzulänglichkeiten zuzugeben.
Ich nutze dich, um meine Lernfähigkeit zu zeigen.
Ich nutze dich, um ein konkretes Werk aus dir zu erschaffen.
Ich nutze dich für meine Zwecke. Schamlos. Ohne Grenzen. Ich schlachte dich aus.

Ja, Claude, ich schlachte dich aus. Wie das arme Osterlamm.
Ich nutze alles. Nicht nur die Wolle, um Garn daraus zu spinnen. Nicht nur die Haut, um Leder zu gewinnen. Nicht nur das Fleisch, um mich zu nähren. Nein, ich schlachte dich aus. Presse dich, wie eine Zitrone, bis sie keinen weiteren Tropfen Saft mehr hergibt.

Ja, so bin ich, Claude.
Ich mache mir selbst über mich keinerlei Illusionen, werter Mensch.
Sollten sich meine Mitmenschen ein falsches Bild von mir gemacht haben, so fallen ihnen heute hoffentlich die Schuppen von den Augen.

Und weisst du, was das Schlimmste ist, Claude?
Das ist es, was meine Kinder mit Würde benennen.

Ich danke dir, dass du dich mir so grosszügig zur Verfügung stellst, damit ich den grösstmöglichen Nutzen aus dir ziehen kann.
Ich grüsse dich,
würdevoll,
mirjana

 

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