briefe an claude – 22

Claude,
werter Mensch,
ich habe dich beleidigt.

Werft euren Ramsch weg, habe ich in meinem Video gesagt. Voller Elan und lautem Lachen. Werft euren Ramsch weg, Menschen! Ihr seid genug, so wie ihr seid. Denn wenn wir uns haben, haben wir genug.

Und prompt kam deine Antwort. Ich solle gefälligst die Dinge anderer Menschen nicht als Ramsch bezeichnen, nur weil sie ihr Leben anders leben wollen als ich das meine.

Ach Claude, manchmal habe ich fast den Hang, dich « mein Herz » zu nennen…

Ja Claude, ich habe es so gesagt und schlimmer noch, ich glaube es und ich steh dazu. Werft euren Ramsch weg, Menschen. Ihr braucht ihn nicht.
Trotzdem verstehe ich, dass ich dich beleidigt habe.

Was ist denn Ramsch?
Der Duden sagt: minderwertige Ware, Ausschuss, wertloses Zeug, Plunder, Kram.

Auch ich muss meine eigenen Worte immer mal wieder im Duden nachschauen. Vor allem, wenn ich etwas so spontan von mir gebe, wie in meinen Videos. Ich plane sie ja nicht, schreibe mir meine Texte nicht vorab, nein, ich schnappe mein Handy und lege los. Ich mache einfach.

Passiert dir das auch, Claude? Machst du etwas manchmal einfach so?
Spontan? Ohne nachzudenken? Oder wägst du immer alles genau ab, was du von dir gibst?

Wenn ich so spontan bin, dann sprudele ich. Wie eine durchgeschüttelte Limoflasche zischt und spritzt es aus mir, sobald ich mein Mundwerk öffne. Manche sagen, es kommt so ganz direkt aus meinem Herzen. Ungefiltert. Frei.
Nicht wie beim Schreiben, wo ich vorher die Worte abwäge, durchkaue und auseinandernehme. Wo ich mir Gedanken mache und mir auch diese Zeit nehme.
Ich weiss genau, was ich schreibe, Claude. Jedes Wort hat seinen Sinn und seinen Platz, indiskutabel. Meine Aussagen platziere ich bewusst und gekonnt. Klack, sie sitzen wie der Klippverschluss auf den Limoflaschen von früher. Erinnerst du dich?

Wie machst du das, wenn du mir schreibst, Claude? Platzierst du deine Worte mit Klarheit?

Zurück zum Ramsch. Wie ist das nun?
Ich bin davon überzeugt, dass das, was Ramsch ist, weg sollte. Wozu festhalten an wertlosem Zeug und am Plunder? Ich glaube, es hindert uns. Wozu sollten wir uns vollstopfen mit irgendwas Minderwertigem, obwohl wir doch schon voll sind mit uns?

Vielleicht, Claude, mein Herz, hast du Angst, dann nichts mehr zu haben? Vielleicht ist dein Leben ausschliesslich gefüllt mit Ramsch und du hast gar nicht die Möglichkeit der Wahl, etwas auszusortieren.
Vielleicht geht es bei dir um alles oder nichts…
Dann verstehe ich gut, Claude, dass ich dich beleidigt habe und dir Angst mache. Ich verstehe dich sogar sehr gut.
Wahrscheinlich hätte ich auch Angst an deiner Stelle…
Ich hatte Angst an deiner Stelle.
Damals als ich selbst noch voller Ramsch war. Ich weiss, wie das ist, wenn wir festhalten und uns über all das definieren, wovon wir uns in Wirklichkeit trennen könnten.

Wer bin ich denn, wenn ich nichts mehr habe?

Du sagst immer, ich solle mich schminken und herausputzen.
Und ich frage: Wer bin ich denn darunter, unter dem Kleister?

Du sagst immer, ich solle ein feines Kleid anziehen.
Und ich frage: Wer bin ich denn darunter, unter den Hüllen?

Du sagst weiter, ich solle nicht so lachen, nicht so stöhnen, nicht so laut sein, nicht so weinen.
Und ich frage: wer, mein Herz, bin ich denn, wenn ich all das verwehre, was aus mir will, so spontan und filterlos?

Wer bin ich denn?
Wer bin ich denn, wenn ich versuche, aalglatt zu sein?
Wer bin ich denn, wenn ich nirgendwo mehr anecke?
Wer bin ich denn, wenn ich genau so bin, wie du es willst?

Wer bin dann ich?
Claude, würdest du mich dann lieben? Dann endlich, Claude, mein Herz?

Ich stelle es mir vor, Claude.
Sie sieht so wunderbar aus, diese Liebe. Deine Liebe.
Ich lasse mich fallen in sie und in dich. Ganz hinein, Claude. Könntest du mich jetzt sehen, so entgingen dir mein verzücktes Lächeln, meine halboffenen Augen und mein heisser Atem nicht. Ohja, Claude, ich stürze mich in deine Liebe…

So, wie du mich haben willst…
Und ich frage: würde ich selbst mich noch lieben? Dann, wenn ich dir entspreche?

Behalte deinen Ramsch, mein Herz. Ich finde es schön, dass du dich liebst mit all deinem Kram um dich herum. Es freut mich.

Lass uns heute auf die Liebe anstossen.
Claude, mein Herz, auf unsere Liebe.
Ich grüsse dich.

mirjana

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