briefe an claude – 23

Claude,
mein Herz,
du sorgst dich um mich. 

Wenn dein Van dir auf fremden Strassen Geborgenheit schenkt, freut mich das. Andere würden sich darin schutzlos und verloren fühlen. Versuch es doch einfach zu akzeptieren.

Ich brauchte wieder ein paar Tage, um deine Sorge zu begreifen. Verzeih, werter Mensch, ich habe mich noch nie um dich gesorgt, und so bin ich an dieser Stelle nicht sensibel genug. Noch nicht sensibel genug.

Ja, ich fahre auf fremden Strassen. Ich reise durch die Fremde. Und ja, mein selbsterbautes Heim auf Rädern schenkt mir Geborgenheit. 

Die Fremde macht dir zu schaffen. Oder ist es das Fremde?
Ich bin dir fremd, mein Herz, so ist es doch, nicht wahr? 

Weisst du, das ist mir auch schon passiert, dass ich einen Menschen liebte, der mir so fremd war.
Ich dachte, komm, öffne dich, wage es, du Mensch, du so andersartiger Fremder, spring mit mir in ein buntes Leben. Er tat es nicht, Claude. Nein, er rannte weg.
Nicht gleich, wir hatten Zeit, uns zu beäugen. Jeder den anderen, den Exoten, der wie ein Haar auf der eigenen Suppe schwamm. Wir sahen nichts anderes mehr als dieses Haar, das genau da war, wo es nicht hingehörte. Oder doch?

Ja, das Fremde zieht uns an. Auch dich, Claude, stimmt’s? Auch wenn du dich dann schutzlos fühlst, doch das ist ja der Reiz des Fremden. Wir fühlen uns alle schutzlos. Wir wissen nicht, was kommen wird, denn es ist nicht vorhersehbar. Immer wieder geschieht etwas Unerwartetes. Immer wieder halten wir den Atem an und fragen uns, was wird sie diesmal wieder für einen Gedanken ausdrücken, der unsere eigene so sichere und stabile Welt in sich zusammenbrechen lässt. Einfach so?

Auch ich fühle mich schutzlos in der Fremde, mein Herz. Ich bin nicht anders als andere Menschen. Ich bin nicht anders als du.
Auch die Verlorenheit kenne ich nur zu gut. Ich war eine Fremde, mein Leben lang. Also lebte ich auch mein Leben lang in der Fremde. Ich habe mich verloren und vergessen und verlassen gefühlt.

Heute brauchst du dich nicht mehr um mich zu sorgen, Claude, ich kann meine Verlorenheit und meine Schutzlosigkeit annehmen. Auch in der Fremde.
Zudem fühle ich mich heute nicht ganz so verloren, denn du, mein Herz, bist ja bei mir.
Du begleitest mich. Täglich. Ja, so ist das.
Ich denke an dich wie an einen Geliebten. Du bist mein geheimes Rendez-vous geworden. Naja, nicht wirklich geheim, da ich dich ja öffentlich ausschlachte. Verzeih. Ich liess mich von meiner romantischen Ader beissen. Das passiert mir gelegentlich. 

Weisst du, Claude, ich akzeptiere all das.
Ich akzeptiere es, dass ich dich anziehe und abstosse.
Ich akzeptiere es, dein stetes Fragezeichen vor meiner Nase zu sehen.
Ich akzeptiere es, dass du dich so innig an mir reibst. Tag für Tag. 

Reibe dich, Claude.
Lass dich erhitzen durch unsere Reibung.
Lass diese Wärme in dich dringen.
Lass mich dich durchdringen.
Auch, wenn ich dir fremd erscheine, Claude, so bin ich in Wirklichkeit nur der Spiegel deiner geheimen Sehnsucht. Akzeptiere es, mein Herz. Nimm mich an. Jetzt. Ganz. 

Ich küsse dich.
mirjana

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