briefe an claude – 24

Claude,
mein Herz,
ich mag dich heute mitnehmen zu meinem ganz persönlichen inneren Claude, diesem Menschenanteil in mir, der in meinem Erdenleben Gestalt angenommen hat in Form meiner Mutter. 

Hier sitze ich gerade, in ihrem Haus.
Wir sind wie wir sind, weil wir aus einer Matrix kommen, die uns erstgestaltet hat. Und wie immer im Leben liegt es dann alleine an uns, was wir aus dieser Erstgestaltung, dieser Vorgabe erschaffen.
Sie ist eine grosse Herausforderung an mich, diese meine Matrix.
Gestern dachte ich an dich, Claude, und daran, wie sehr du mir fehlst. Denn mein Herz, so Leid es mir tut, du bist ein Scheiss gegen meine Matrix. Deswegen muss ich immer schmunzeln, wenn du dich echauffierst gegen mich. Claude, du weisst nicht, mit welchen Wassern ich gewaschen bin. Du kennst die Erde nicht, in der ich gewachsen bin, trotz aller Widerstände.

Hier läuft so viel von mir zusammen.

Warum ich Wert auf Sinn lege? Warum ich Mundgeräusche nicht mehr hören mag? Du weisst, damit meine ich nicht das Schmatzen beim Essen. Nein, liebe Menschen, schmatzt beim Essen so viel ihr wollt. Doch bitte, habt Gnade mit mir, und denkt wenigstens gelegentlich nach, ehe ihr zu mir sprecht. 

Weisst du, mein Herz, vor einigen Jahren brach ich in gewisser Weise bereits aus der gängigen Gesellschaft aus. Ich war der Menschen überdrüssig. Ihrem Lautsein. Denn schmatzende Gedanken sind so furchtbar laut für meine empfindlichen Ohren.
Lärmüberschuss.
Gedankenramsch.
Wiegel dich auf, Claude, du darfst. Ich bin frech, wenn ich so etwas sage, nicht wahr? Wo ist denn meine Toleranz, auf die ich so viel Wert lege? Was predige ich denn da von Liebe, wenn ich dann doch Unterschiede mache und bewusst die Guten ins Töpfchen sortiere und die Schlechten ins Kröpfchen?

Damals, vor einigen Jahren, hatte ich genug. Ich war nicht wütend, nein, ich war erschöpft. Ich konnte das Tröten nicht mehr abstellen. Mundgeräusche tröten in meinen Ohren.
Ich weinte. Und ich beschloss, mich abzuwenden von all den Menschen, die in meiner Vorstellung die Etappe des Denkens vor dem Reden ausliessen. Ich musste meinen Gesellschaftsgeist ramschbefreien. 

Und so ging ich in die Sozialarbeit. Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich konfrontierte mich mit Menschen, die in ihrem radikalen Autismus nur Direktleber sein konnten. Keine Beschönigungen, keine Hintervotzigkeit, keine Lügen, kein Gelaber, kein Schmuck und kein Gleitmittel. Nichts. Nur der Mensch im Urzustand. Ungefiltert. Und frei. 

Wir anderen Menschen nennen sie eingekapselt. Verrückt, gell? Dabei sind sie ausgekapselt aus unserer zu engen Vorstellung von Richtig und Falsch. Und da sie sich nicht einfügen können in unser starres Denken, werden sie ausgegrenzt und mit « behindert und psychisch krank » abgestempelt. 

Ach Claude…
Drei Jahre habe ich mit ihnen gelebt.
Drei Jahre haben sie mich in ihren Kreis aufgenommen und geheilt.
Drei Jahre habe ich gebraucht, ehe ich wieder genug Kraft und Glaube in mir hatte, um zu den zugekleisterten Menschen zurückkehren zu können. 

Ja, sie haben mich ausgesöhnt. Ihre fast brutale Radikalität im Selbstausdruck hat mich anfangs erschüttert. Plötzlich nahm ich meine eigenen Grenzen wahr. Es war so einfach für mich, in unserer verklemmten Gesellschaft ein freier andersartiger Mensch zu sein. Doch inmitten lauter Menschen, die ihre Andersartigkeit vorbehaltlos in die Gesellschaft kotzten, war ich ein Scheiss.
Ich hatte meine Meister gefunden.
Und ich lernte. 

Ich musste wachsen, Claude, denn meine Rolle war, sie zu begleiten. Sie auszuhalten. Ihnen standzuhalten. In jeder Situation.
Kam eine Krise, Claude, dann war es wie ein plötzlicher Sturm, der durch uns hindurch fegte. Und ich musste ihr Fels in der Brandung sein. Denn dafür wurde ich bezahlt. Sei Fels!
Anfangs klammerte ich mich mit beiden Händen an meinem Stuhl fest und dachte « ohgott, lass es vorüberziehen, ich schaffe das nicht. »

Dann habe ich gelernt, mit den Krisen zu tanzen.
Ich habe gelernt, dass ich überzeugt sein muss.
Tiefe innere Überzeugung, mein Herz, kennst du das?
Denn nur wenn ich innerlich tief und wahrlich überzeugt bin, kann ich Fels sein.
Alles andere ist Lug und Trug. Und niemand ist effektiver in der Lugtrugentlarvung als ein Mensch inmitten seiner Krise. 

Wäre da nicht mein Lebenstraum gewesen, dann wäre ich geblieben. Doch nach drei Jahren wusste ich, dass es Zeit war, meinen eigenen Weg weiterzugehen. Ich wollte ja das Tischlern lernen und mein Nomadenhaus bauen. Und alles ging nunmal nicht. Ich musste mich entscheiden. Und so entschied ich mich für mich und meinen Traum.
Das ist schön, nicht wahr, sonst hätten wir beide uns nie kennengelernt, Claude. 

Denke, ehe du sprichst. Das ist möglich.
Ich habe diese Sätze oft gesagt in den vergangenen Tagen.
Meine Matrix kann sie noch nicht wirklich hören. Doch das macht nichts. Ich musste es ihr sagen, sonst wäre ich erstickt in all dem Lärm, mit dem sie mich ungefragt überflutete. 

Morgen will ich dir mehr erzählen.
Ich will dich mitnehmen in meine Erde. 

Ich umarme dich,
mirjana

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.