briefe an claude – 25

Claude,
mein Herz,
es sind die Lieblosigkeit und die Enge.

In ihnen bin ich gross geworden. Das waren die beiden Basiselemente meiner Kindheit.
Aus ihnen erwuchs dann der Rest.

Ich weiss nicht, was ich schlimmer finde. Lieblosigkeit oder Enge.
Vielleicht aber hängen diese beiden Punkte auch zusammen.
Liebe ist doch etwas Weites, oder? Jedenfalls dachte ich dies immer. Liebe ist grenzenlos. Bedingungslos. Endlos. Insofern schliesst Liebe Enge aus.

Heute denke ich, ich musste dir diese Briefe schreiben, um mich selbst auf die Rückkehr in meine Matrix vorzubereiten. Du hast mir geschrieben:

Vielleicht kannst du dich ja doch selbst irgendwann liebevoll in den Arm nehmen?

Mmmh, ich kann mich liebevoll in den Arm nehmen, Claude.
Ja, ich liebe mich und dies in allen Lebenslagen. Das war nicht immer so, es war ein steiniger Weg, doch ich bin ihn gegangen und umarme mich selbst.

Dich musste ich umarmen lernen.
Dich musste ich lieben lernen.
Dich, Claude.

Den Weg der Liebe zu dir zu gehen, sollte mein Weg der Liebe zu meiner Matrix werden.
Denn eines wurde mir diese Tage bewusst, mein Herz:
Wir kommen aus derselben Matrix.
Claude, du könntest mein Geschwister sein.

Ich habe eines meiner Geschwister gesehen, musst du wissen. Und wenn ich heute von Matrix spreche, so umfasst diese meine gesamte Ursprungsfamilie. Ich habe den Kreis erweitert.
Du und ich, werter Mensch, wir kommen aus derselben Matrix.
Nur sind wir unterschiedliche Wege gegangen.
Denn sie ist unsere, des Menschen Freiheit: die Wahl des Weges.

Seit ich in meiner Matrix bin, bist du omnipräsent, Claude.
Du fliegst nur so um mich. Klitsch, hier ein Wort und klatsch, dort ein anderes. Und alle diese Worte könnten von dir kommen. Du hättest deine helle Freude.

Und doch ist es anders, werter Mensch. Du hast eine gewisse Zärtlichkeit für mich. Dessen wurde ich mir bewusst. Du schaust mich an, auch wenn ich dich abstosse und störe. Doch immerhin schaust du mich an.
Du liest mich und interessierst dich für mich. Du ärgerst dich an mir und du reibst dich. Du spuckst mich zwar an, doch immerhin versuchst du mir dabei in die Augen zu sehen.

Nun, ich glorifiziere dich, ich weiss. Niemand ist feiger als du. Du schaust mir ja nicht einmal virtuell in die Augen. Und ich bezweifle, dass du den Mut hättest, dich in meiner fleischlichen Gegenwart als Claude zu entlarven. Doch ich brauche gerade ein wenig Sublimierung und benutze dich einfach dafür. Du weisst ja, wie ich bin.

Genug des romantisch – verklärten Geschwafels.

Ich bekam heute eine sehr zweifelhafte brüderliche Liebeserklärung. Der Grundgedanke war dieser:
Ich liebe dich, wenn du den Mund hältst und mir nicht zeigst, wer du bist. Denn die, die du bist, interessiert mich nicht.

Dafür bekam ich aber richtig doll Zärtlichkeit als Beilage.

Ich bin irritiert, Claude. Kannst du mir nicht helfen?
Was ist das denn nun? Liebe? Echte oder gleitmittelbeschmierte? Freie oder manipulierende?
Ich bekam zwei so gegensätzliche Nachrichten. Die warme Umarmung und das mit einhergehende Existenzverbot. Denn darum geht es doch, nicht wahr, Claude? Wenn wir dem Anderen den Mund verbieten, wenn wir ihm seinen ihm eigenen Ausdruck verwehren, dann gestatten wir ihm keine Existenz.

Erklärst du mir das, Claude?
Ist es nicht auch das, was du mir immer wieder vor den Kopf knallst?
Diese Form der Liebe, die in meiner Welt keine Liebe ist.

Ich brauche deine Hilfe.
Und grüsse dich.
mirjana

 

 

 

 

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