briefe an claude – 26

Claude,
mein Herz,
ist der Kelch unser Gral?

Wenn du mich ordentlich liest, dann weisst du, dass mein Verhältnis zu Gott belagert ist.  Ich wurde zu ihm gezwungen. Das funktioniert nunmal nicht. Gott müssen wir von uns aus suchen wollen oder finden oder empfangen oder wie auch immer wir uns diese Begegnung vorstellen. Mit Zwang geht da nichts. Das ist für jede Beziehung gültig.

Meine Matrix wurde zwangsverheiratet. Aus dieser Verbindung entstand nur Leid.
Ich wurde unter Zwang gezeugt. Auch das generierte Leid. Wir können nur schwer lieben, was uns im Zwang untergeschoben wurde.
Zwang ist Krampf, nicht wahr, Claude?

Seit einiger Zeit tauche ich aktiv in meine Seelenwelt ab und dabei stosse ich immer wieder auf biblische Zitate. Im Grunde ist das kein Wunder, denn das sind die Kerben, die in mich geschlagen wurden. Mit Gott als Ausrede kann man so manches Kind zum Schweigen bringen.

Und so dachte ich an den Kelch. Lass ihn vorüberziehen.
Ich dachte an den Schmerz, der sich in ihm sammelt. Vollgefüllt bis oben hin.
Denn dazu dient der Kelch, nicht wahr? Er ist der Träger unseres Schmerzes.
Unsere ganz persönliche Erfahrungsthermoskanne. Alles immer schön warm.

Ich bin im Hause der Desinfektion gross geworden.
Ich muss so lachen, denn selbst das hast du gespürt. Erinnerst du dich, als du mir geschrieben hast, wie schmuddelig ich bin und dass das hygienefremde Frankreich bereits auf mich abgefärbt hätte?
Wieder einmal hast du deinen Finger in meine Wunde gelegt.

Das Haus der Desinfektion.
Hier liegt nichts herum.
Hier siehst du nicht einmal einen verlorenen Wassertropfen auf der Spüle oder an der Duschkabine. Bei mir im Bad war immer Kalk, damals, als ich noch ein Bad hatte. Ich kam gar nicht auf die Idee, immer überall umgehend und effektiv alle Spuren von mir und meinen Familienmitmenschen zu beseitigen. Ich hatte Anderes zu tun.

Das Haus der Desinfektion.
Ich habe mich dort immer schmutzig gefühlt, ganz gleich, ob ich gerade frisch aus der Dusche stieg. Ganz gleich, ob auch meine Kleider frisch gewaschen waren. Die Haare frisch geschnitten. Die Nägel gefeilt.
Ganz gleich.
Denn an mir hängt etwas, was ich nicht wegbekomme:
die Bakterie des Menschseins.

Das Haus der Desinfektion.
Berührung, Claude, ist schwer in meiner Matrix.
Früher ging nur der Hieb. Ich glaube, es ist eine Frage des Rhythmus. Ein Hieb geht schnell. Die Hand oder der Fuss verweilen nicht lange auf dem Fremdkörper. Es knallt und hopp ist es vorüber. Und wenn auch das zuviel Kontakt ist, dann gibt es ja immer noch den Ledergürtel, den Teppichklopfer oder den Hausschuh.
Eine Berührung aber, vor allem die ganz schwierige mit Zärtlichkeit gefüllte, braucht Zeit. Sie braucht Kontaktzeit. Ihr Rhythmus ist langsam.
Der Gerechtigkeit halber muss ich präzisieren, dass der Hieb meine Vatersprache war. Und trotzdem hat der Rhythmus der Hiebbewegung auf meine Restmatrix abgefärbt.

Ich durfte diesmal meine Wange am Gesicht meines Geschwisters reiben. Ich habe laut gelacht vor Freude. Denn letztes Mal musste ich mich vorher erst waschen. Zuviel Fremdbakterie. Desinfektion als Eintrittskarte.
Ja, ich stand so manches Mal auch vor der Tür und durfte nicht über die Schwelle treten. Heute ist das schon anders. Doch ich darf nur meinen Körper hinüber tragen. Meine Gedanken und Worte müssen draussen vor der Tür bleiben, sonst wird mir der Körpereintritt verwehrt.

So viel Zwang, Claude, so viel Zwang.
So bin ich gross geworden. Im Tempel des Zwanges.

Lass diesen Kelch an mir vorüber ziehen.
Das dachte ich, wenn ich genug Raum in mir fand, wieder einen Gedanken zu fassen. Da war so viel Berieseln, Mundgeräusche, und eben Existenzverbot. Es ist Schwerstarbeit, dann nicht in sich zusammenzufallen, gell?
Doch was sind unsere Flügel schon Wert, wenn sie beim leisesten Windhauch von uns abfallen?
Sie sollen uns doch durch unsere Lebensstürme tragen, oder?
Ich will nicht Lug und Trug sein. Also mache ich einen Qualitätstest. Was halten meine Flügel aus? Kann ich mein Rezept als Patent in die Welt tragen? Oder muss ich wieder von vorne mit meinen Recherchen beginnen?

Ich fühlte mich wie ein Vogel, der ins Meer gefallen ist, dort wo der Ölteppich schwimmt. Flügelverkleber. Überall. Und das trotz aller Desinfektion. Verrückte Welt.

Doch dann, mein Herz, begriff ich.
Der Kelch ist unser Gral.

Ich musste mich erst wieder waschen, die Desinfektion von mir abspülen.
Selbst meine Matrix hat dies begriffen. Zuviel Desinfektion zerbricht ihre Nägel. Von den Flügeln ganz zu schweigen.
Jetzt bin ich wieder in meiner Natur. Meine Flügel haben den Test bestanden. Und nicht nur das. Der Kelch, wie gut, dass er nicht einfach so vorüberzog, sondern dass ich von ihm trinken durfte. Denn Claude, ich sprudele seither. Meine Limoflasche zischt und spritzt, so sehr wurde sie durchgeschüttelt. Im Zwang darf ich nicht sprechen. Doch ausserhalb des Zwanges habe ich soviel zu sagen. So unendlich viel. Denn dort ist mein Leben.

Ich lass den Kelch nicht mehr an mir vorüber ziehen. Ich nehme ihn mit auf meine Reise. Und ich wandle ihn. Genau wie alles andere.
Mein Kelch ist mein Gral.

In zwangloser Liebe,
mirjana

 

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