briefe an claude – 27

Claude,
werter Mensch,
ich bin angekotzt.

Ja, ich gebe es zu. Ich bin zutiefst angekotzt. Ich komme an meine Grenzen, Claude, immer wieder. Durch dich erhält der Begriff des Grenzgängers, den ich so liebe, eine ganz neue Farbe.

Erinnerst du dich an deinen Trittbrettfahrer?
Er hat mir geschrieben. Aber vielleicht warst du es auch selbst. Wer weiss das schon in dieser anonymen Welt der profillosen Menschen…?
Ich bekam ein hübsches Gedicht, die poetische Verpackung einer Schuldentladung.

Mirjana.
Deine Flügel haben keinen Schaden erlitten.
Streiften nur den dunklen Staub der Straße des Lebens.
Auf welchem auch Seelen wandeln, die das Leben bitter machte.
Sie zeigen nicht ihr Gesicht.
Sie sind Geschlagene.
Narbenträger.
Sie fühlen sich hässlich.
Sie ergreifen fremde Flügel.
Die besonders Leuchtenden.
Versuchen sie am Fliegen zu hindern.
Denn obwohl sie selbst fliegen können, verharren sie.
Und schauen.
Und suchen Mitleider.
Doch das ist falsch.
Das Recht, andere mitleiden zu lassen, das haben sie nicht.
Jedes dich schwächende geschriebene Wort habe ich teuer bezahlt.
Jede einzelne von dir geweinte Träne tat mehr weh, als alles weltliche Leid,
das man Claudes zufügen könnte.
Ich kann nichts wieder gutmachen.
Ja.
Du bist gut, so wie du bist.
So gut.
Deine Flügel sind unbeschädigt.
Sie sind stark.
Wie ein feststehender Baum, dem auch Sturm und Gewitter nichts anhaben können.
Deine Wurzeln reichen tief.
Es sind keine flachen Wurzeln.
Sie haben so lange gebraucht, um sich auszubilden.
Und daher.
Daher sind sie stark.

Ich kann meine verunreinigenden Worte nicht zurückholen.
Nur hoffen.
Dass der nächste Regen meinen Schmutz auf deinen Flügeln mit sich nimmt.
Der Schmutz, den meine Gedanken formulierten.
Heute hat mich der Himmel bestraft.
Und er hat dich gesegnet.
Als deine tränenreichen Worte von Licht umhüllt die Meinen zum erlöschen brachten.
Flieg unbekümmert weiter.
Du bist gut.
So gut.
So schön.
Und frei.

Und einen begleitenden Rotz.

Als ich das erste Mal auf deinen Blog geriet, musste ich folgenden Satz als Kommentar eines Lesers lesen: „ Du brauchst eine Therapie.“
Solche Sätze geben zu denken.
Nachdem ich nun endlich begriffen habe, wer du zu sein scheinst, bin ich sehr erleichtert und habe mich ja doch nicht geirrt. Befreite Grüße.

Ja, ich bin angerotzt und es fühlt sich zum Kotzen an.

Seit Stunden schlage ich mich damit herum, Claude.
Zuerst war ich angetan von der poetischen Schuldentladung. Kein Wunder, es klebt ja auch mächtig Glitzergeschenkpapier dran. Und selbst ich falle manchmal auf solchen Ramsch herein.

Aber das schlechte Gefühl in mir blieb.
Ich musste aus all dem Glitzer erst die Kernaussage herausschälen.

Solche Sätze geben zu denken.

Wem geben solche Sätze zu denken?
Und was denken wir dann?
Ich habe ein Problem mit Menschen, die nicht selbst denken, Claude.
Sollen sie Scheisse denken, ok, das akzeptiere ich, doch die Scheisse darf auf ihrem eigenen Mist wachsen. Dazu kann man stehen.

An dieser Stelle betrete ich meine dunkle Kammer, mein schwarzes Zimmer, meinen inneren Sarg.
Ich kann nicht anders.

Menschen nehmen dich, Claude, als Orientierungshilfe, um sich ihre Meinung zu bilden? Dich, und nicht sich selbst?
Oh nein! Das glaube ich nicht!
Du bist lediglich ein wunderbarer Vorwand. Du bist die Freikarte für die eigene Dummheit. Denn wenn sogar Claude so denkt, dann habe ja auch ich das Recht, loszurotzen, nicht wahr? Du bist die Entschuldigung, Claude, die Rechtfertigung. Du bist die Laderampe, auf der wir unsere Verantwortung ablegen können. Bitteschön, bereit zum Verschiffen, hier wird sie nicht mehr gebraucht!

Ich bin wütend, Claude. Sehr wütend.

Denn die Mitläufer sind die schlimmsten.
Sie verstecken sich hinter der Meinung Anderer und reden dadurch ihr Handeln schön.
Sie sind diejenigen, die still und neugierig spähen, wenn Unrecht geschieht. Aber selbst werden sie sich hüten, dazwischen zu gehen.
Sie sind diejenigen, die die Erde der menschlichen Wüste bilden.
Nein, ich habe keinerlei Toleranz und null Verständnis.
Ich ziehe mein Schwert und trenne ab! Weg damit! Ich will es nicht!

Schenkt mir keine Schmuseworte, um den Dolch zu umhüllen, den ihr mir kurz zuvor in den Rücken gerammt habt. Steht zu eurer Verkommenheit. So wenigstens kann ich euch achten als Mensch.

Diesmal habe ich nicht gewandelt, Claude.
Ich habe es nicht geschafft.
Ich habe es abgetrennt. In den Müll geworfen.
Ich treibe die Pharisäer aus meinem Tempel!

Du darfst bleiben, Claude.
Bis morgen,
mirjana

2 Kommentare bei „briefe an claude – 27“

  1. … spannend wäre es, wenn der/die verfasserIn das gedicht laut vorlesen würde – die passage „du bist gut. so gut.“ würde ihn stimmlich verraten.

    1. miRjana petRicevic sagt: Antworten

      Ich habe das Gedicht genommen, wie es ist, Thomas, ich habe nicht an der Aufrichtigkeit gezweifelt. Und tue es noch immer nicht.
      Es sind zwei Dinge, die mich stören und die in der Wiederholung geschehen sind. Deswegen ist für mich auch der Zug abgefahren.
      Einmal das anonyme Wieder-an-der-Pforte klopfen mit dem Einschmeichelgleitmittel, egal wie Ernst gemeint.
      Das hatte bereits stattgefunden.
      Und dann das Abgeben der Verantwortung, denn auch das war die Erklärung für die letzte Abrechnung (Brief 15).
      Denn auch da wurde mir geschrieben (diesmal nicht anonym), dass jemand gesagt hätte, meine Briefe an Claude wären an diesen einen Menschen konkret gerichtet.
      Das beinhaltet den Vorwurf der Hinterfotzigkeit an meine Person in dieser Situation. Und gleichzeitig das Rechtfertigen des eigenen Handelns durch den Hinweis eines Dritten.
      Anstatt mich offen zu fragen, wurde mit mir abgerechnet. Und das, obwohl ich meine Türe weit geöffnet hatte für den Menschen.

      Ich lerne, dass ich besser auf meine Impulse hören muss, denn intuitiv hatte ich immer wieder Momente, in denen ich leicht zusammengezuckt bin über die Verhaltensstruktur. Doch ich wollte offen bleiben. Das war mein Irrtum. Aber gut, ich bin ja lernwillig. Diesmal habe ich die Lektion begriffen.

      Diese Verhaltensstruktur mit der Meinung des Dritten hat sich auch in der Abrechnung gespiegelt, denn sie galt nicht nur mir persönlich, sondern auch den dummen Menschen, die mich lesen.
      Das kann ich nicht hinnehmen.

      Ich grüsse dich,
      mirjana

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