herausforderungen

Wir wachsen an unseren Herausforderungen.

Ich wusste, dass mein Auftritt in Neulengbach eine Herausforderung werden würde, nur dachte ich an ganz andere Dinge.
Ich dachte an mein Aufeinandertreffen mit lokalem Laufpublikum und arbeitete seit Tagen an meiner Angst, wie wohl ganz fremde unvorbereitete Menschen auf mich und meine Welt reagieren.

Diese Angst war unbegründet, denn aus Neulengbach kam keine Menschenseele zu mir.
Meine Herausforderung sollte eine ganz andere sein.

Raum.

Mir wurde gestern klar, wie unterschiedlich wir Menschen Raum definieren.
Ich rede und schreibe ständig von Raum und habe eine ganz eigene Beziehung zu diesem Wort und dem damit verbundenen Konzept.
Raum ist nicht einfach.
Raum erschaffen wir.
Raum geben wir uns.
Raum nehmen wir ein.
Raum füllen wir.
Raum kann uns erschlagen.
Oder auch ersticken.
Raum ist eine Auseinandersetzung mit uns und der Welt.

Ich sollte im öffentlichen Raum spielen.
Doch auch der öffentliche Raum braucht einen Rahmen, in dem Theater leben kann.
Ich brauche nicht viel, doch gegen vorbeifahrende Autos anzuspielen, überfordert selbst mich.

Ich hatte gestern einen Moment, an dem ich am liebsten im Erdboden verschwunden wäre. Ich hatte mich in eine Situation katapultiert, in der ich nicht sein wollte. Der Raum, der mir zur Verfügung stand, war unmöglich für mich.

Wegrennen geht nicht.

Ich wusste, dass sich Menschen auf den Weg gemacht hatten, um mich und meine Arbeit zu sehen. Sie haben sich zu mir bewegt. Ich bin ein Mensch, der so etwas sehr schätzt, besonders seitdem ich mobil lebe. Ich erlebe seither klar, wieviele Menschen es als selbstverständlich ansehen, dass ich ihnen mit meiner Mobilität entgegenkomme, am besten bis vor die Haustüre.
Wenn sich also Menschen die Mühe machen, zu mir zu kommen, dann bedeutet das für mich, dass ich mein Bestes gebe, um sie zu empfangen.

Die Menschen kamen in meinen Unraum.

Und in meiner Verlorenheit geschah etwas Wunderbares.
Wir haben uns gemeinsam einen Raum gesucht. Wir haben unseren Abend gemeinsam gestaltet.
Wir durften ins Grüne vor die Neulengbacher Burg, ich fuhr den Van dorthin, und alle packten mit an, um meinen Auftritt möglich zu machen.
Es war pure Improvisation.

Einige bauten die Bühne auf, andere kümmerten sich um die Sitzplätze. Jemand besorgte sogar Getränke für das gemütliche Zusammensein am Ende.
Ich schlüpfte in meine Bühnenklamotten. Vorbereitungszeit gab es keine. Jetzt – hier – los! Bloss nicht zimplerlich sein. Es geht nur darum, in Würde den Menschen zu begegnen und die Arbeit zu tun.

In mir zeigte sich eine Baustelle nach der anderen.

Chaosbewältigung und Loslassen.
Live. Vor den Augen anderer Menschen.
Mitten im Spiel brach die Dunkelheit über uns herein. Gnadenlos. Dabei hatte ich vorab tatsächlich gedacht, ich sei schneller als die Nacht. Irrglaube.

Im Chaos entstehen immer Lösungen, vorausgesetzt wir akzeptieren das Chaos.
Ich ging um den Van herum, schliesslich kann man auch unsichtbar gehört werden, und schnappte mir eine Taschenlampe. Dann ging es weiter mit einem Beleuchtungsspiel. In einer Hand den Text, in der anderen die Lampe, viel Bewegungsspielraum war da nicht mehr. Doch es ging. Alles geht. Immer. Wir müssen nur handeln anstatt uns von den Umständen erschlagen zu lassen.

Obwohl ich meinen Text am Vormittag gekürzt hatte, kam er mir noch nie zuvor so lange vor.
In mir war ein ganzes Katastrophenteam am Arbeiten.
Alles wahrnehmen und damit umgehen.
Jede Minute.

Am Ende waren wir alle glücklich.

Was anfangs nach Untergang aussah, war schlussendlich ein zauberhaftes intensives Erlebnis, weil wir alle uns der neuen Situation hingegeben haben. Wir haben alle unsere Vorstellungen und Erwartungen losgelassen und etwas aus dem Augenblick heraus entstehen lassen.

Das ist für mich Kunst.
Diese Freiheit leben zu können.
Mit anderen Menschen.

Ich danke jedem Einzelnen, der zu diesem unvergesslichen spontanen Abend beigetragen hat.

An unseren Herausforderungen wachsen wir.
Bin wieder nen Zentimeter grösser.

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