heilung

Du heilst Menschen.

Das sagte mir vor knapp vier Jahren eine liebe Freundin.
Und ich habe schier gekotzt.

Heilung gehört zu den Worten, mit denen ich nicht umgehen kann. Ich sehe dann immer gleich Jesus vor mir, Handauflegen, Wunderheilung und mit all dem kann ich mich nicht identifizieren.

Diese Freundin aber ist mindestens genauso bodenständig wie ich und so konnten wir über die Jahre immer mal wieder über das Thema reden. Sie zwang mich gewissermassen zur Auseinandersetzung und dafür bin ich ihr dankbar.

Ist Heilung der Zwang zur Auseinandersetzung?

Gerade jetzt denke ich ja. Denn auch sie hat mich durch ihre Beharrlichkeit zu diesem Thema schlussendlich in die Heilung gebracht.

Aber Zwang, igitt, das klingt ja gar nicht heilend, gell?

Auseinandersetzung ist gewiss richtig. Ja, ich bin davon überzeugt, dass Auseinandersetzung heilend ist. Flucht, Ausblendung, Verniedlichung, Angriff etc sind Abwehrmechanismen, die Heilung unmöglich machen.

Aber Zwang?

Ich ziehe den Duden zu Rate und – schau an! – einige der Definitionen von Zwang bringen es doch ganz klar auf den Punkt und scheinen mir richtig. Lasst uns über die spontane Assoziation hinausblicken und diese passenden Definitionen hervorheben:

  • Starker Drang in jemandem
  • Starker Einfluss, dem sich jemand nicht entziehen kann
  • Bestimmung der Situation in einem Bereich durch eine unabänderliche Notwendigkeit

Für mich dazu passende Synonyme sind:

  • Erfordernis
  • Gebot
  • Notwendigkeit
  • Verpflichtung
  • Voraussetzung
  • Exigenz
  • Drang
  • Innere Regung
  • Leidenschaft
  • Neigung
  • Passion
  • Begehren
  • Verlangen

Spannend, gell?
Der ach so schlimme und unfreie Zwang rückt plötzlich in ein ganz neues Licht.

Das ist ein konkretes Beispiel dessen, was ich mit Menschen mache.
Ich bewege sie zu einem anderen Standpunkt und zeige ihnen von dort eine neue Sichtweise. Der Ursprung bleibt gleich, doch die neue Sichtweise ändert komplett alles.

Ich mache dies im körperlichen und auch im emotionalen Bereich. Logisch, alles hängt zusammen. So kommt es, dass Menschen aufgrund unserer Zusammenarbeit ihren Körper neu denken und konkrete physische Leiden anders angehen können. 

So erlebe ich eine Frau, die nach Jahren endlich wieder einen Hügel erklimmen kann ohne in Atemnot zu kommen. Ist das Heilung?

Bestimmt, aber das geschieht nicht durch Handauflegung, sondern durch eine wahre Notwendigkeit der Auseinandersetzung, die in einem Umdenken und folglich in einem Umstruckturieren des Körpersystems gipfelt.

Ich zeigte ihr den Weg. Gegangen ist sie ihn selbst.

Es berührt mich tief, Menschen zu erleben, die in ihre Aufrichtung kommen, innerlich und äusserlich. Menschen, die sich in wenigen Tagen von innen heraus wandeln, so sehr, dass sie wie neugeboren scheinen.

Ich selbst bin jedoch nicht diejenige, die das macht. Ich bewirke es lediglich.

Das heisst, ich nehme mich der Menschen an, grabe gemeinsam mit ihnen nach dem Schlüssel, der sie aus ihrem inneren Kerker führt. Oder vielleicht legen wir eher den inneren Kerker frei und ich erinnere dann den Menschen daran, dass es auch einen Schlüssel gibt, um auszusteigen.

Der innere Kerker.
Ich liebe dieses Bild.
Warum hocken wir dort?

Schauen wir uns jetzt die andere Ausleuchtung von Zwang an:

  • Einwirkung von Aussen auf jemanden unter Anwendung oder Androhung von Gewalt
  • Beschränkung der eigenen Freiheit und Ungeniertheit, mit der sich jemand anderen gegenüber äussert
  • Von gesellschaftlichen Normen ausgeübter Druck auf menschliches Verhalten
  • Beherrschtsein von Vorstellungen, Handlungsimpulsen gegen den bewussten Willen

Synonyme dieser Ausleuchtung wären:

  • Druck
  • Gewalt
  • Muss
  • Nötigung
  • Unterdrückung
  • Joch
  • Diktat
  • Oppression
  • Kompulsion
  • Pflicht
  • Besessenheit
  • Sucht
  • Trieb
  • Manie

Spannend, gell?
Das ist die uns geläufige Auslegung von Zwang.
Und beim Schreiben sehe ich die Richtigkeit meiner Wortwahl weiter oben.

Zudem ist die französische Übersetzung des Wortes „Zwang“ la forceLa force ist aber auch die Kraft.

Das wiederum ist übrigens meine Jahreskarte für 2018.
Und so schliesst es sich wieder zur Heilung.

In meine Kraft gehen, meine Kraft leben.
Das ist mein Jahresthema.
Dazu gehört auch, diese Kraft anzusprechen bzw auszusprechen.

Ich kann in meiner Menschenarbeit sehr viel Kraft mobilisieren. Ich muss es sogar.

Um mich den Zwängen der Menschen zu stellen, brauche ich eine Gegenkraft. Es ist hier nicht wichtig, welche Form diese annimmt, doch ich muss einen Raum erschaffen, der dem Menschen das Überwinden seines Zwanges möglich macht. Das bedeutet, dass mein Kraftaufwand mindestens so gross sein muss wie der erzwungene Raum des Anderen.

Ich sehe mich in diesem Augenblick nicht mehr als die Person, die ich bin.
Ich gebe mich der Arbeit hin. 

Ich diene dem Menschen und seinem Prozess.

So empfinde ich es und nur deshalb kann ich diese Kraft aufbringen.
Ich docke mich an die universelle Kraft an, an das Leben, manche nennen es Gott, ich benenne es gar nicht.

Daran musste ich die vergangenen Tage oft denken.
Ich bete nicht in Worten, nicht in Sätzen, nicht in Formulierungen.
Ich bete auch nicht in Bildern und Visionen.

Ich bete durch Bewegung und Klang.

Ich öffne meinen Körper, recke und strecke ihn dem Universum entgegen.
Meinem Ursprung entgegen.
Ich vereine meinen Kern, meine innere Säule, verwurzelt in Mutter Erde, dem Sinnbild unserer Materialisation, mit dem Unsichtbaren, Übersinnlichen, Grenzerweiternden, das ich nicht fassen kann, doch das mich erfasst und trägt.
Ich singe meinen Atem und erfülle meine Knochen mit Musik.
Ich spüre meine Grösse und Zerbrechlichkeit und gebe mich als Werkzeug hin.
Das ist mein Gebet.

Heilung.

Ich musste mich viel auseinandersetzen, um dieses Wort zu akzeptieren.
Ich bin kein Heiler, nein.
Doch ich kenne Wege der Heilung, das stimmt.
Ich zeige sie den Menschen, die mit mir arbeiten.

Gehen müssen sie selbst.

Ich weiss um die grosse Herausforderung, die dies für sie bedeutet.
Ich erlebe ihre Kämpfe mit, ihr Vertrauen, ihre Angst, ihre Entmutigung und ihre Aufrichtung.
Ich gehe neben ihnen, solange sie dies möchten.

Auch mich wandelt meine Arbeit.

Jeder neue Kurs katapultiert mich selbst nach vorne.
Ich komme nicht ungeschoren davon, denn ich gebe mich mit jedem Einzelnen hin. Und jeder Einzelne zwingt mich, einen weiteren Raum in mir zu öffnen. Ich habe ja nicht immer alle Antworten parat. Ich habe nur meinen Instinkt, der mich untrügbar weitertreibt. Der Wolf in mir, der wittert. 

Das kann ich. Wittern.

Im Mittelalter wäre auch ich auf dem Scheiterhaufen gelandet. Wie so viele.

Ich zwinge zur Auseinandersetzung.

Ja.
Ehe ein Mensch mit mir arbeitet, muss er sich zu mir entscheiden.
Das klingt hart, aber genau das ist unser Leben.
Wir drücken es nur nicht so klar aus.
Alles, was wir tun, ist Entscheidung.
Auch alles, was wir nicht tun.

Wir haben die Entscheidungskraft und Entscheidungsfreiheit über uns selbst.

Manchmal sind wir jedoch so überlagert von unseren Zwängen, dass wir gar nicht mehr wahrnehmen, wo andere Wege und Sichtweisen möglich sind.

Manchmal sind unsere Zwänge schon so in uns eingefleischt, dass wir sie nicht mehr als Zwang benennen, sondern tatsächlich als Normalität und Realität.

Und da sitzen wir dann, zusammengekauert, in unserem inneren Kerker und glauben an unsere Ohnmacht.

Heilung ist für mich, unsere innere Freiheit wiederzuerlangen.

Wir hatten sie bereits, ehe wir uns dem Zwang der Materie wieder ausgesetzt haben. Ehe wir Fleisch wurden.

Fleisch zu sein ist eine wunderbare Möglichkeit der Auseinandersetzung. Wir sind konkret. Das ist es, was ich liebe am Menschsein. Wir können uns an der Materie reiben. Wie stehen wir dem Material gegenüber? Wer besitzt wen? Wir das Material oder das Material uns?

Wie bewohnen wir unseren Körper? Wie leben wir mit ihm? Hören wir ihn? Spüren wir ihn? Verstehen wir ihn? Schliesslich ist er ja Tag und Nacht bei uns. Es könnte also durchaus lohnend sein, seine Sprache zu erlernen. Wäre unser Körper ein anderer Mensch, mit dem wir Tag und Nacht nonstop verbringen müssten, wir würden bestimmt irgendwann anfangen, mit ihm zu kommunizieren.

Unser Körper tut dies.
Meist verzweifelt.

Er kommuniziert in seiner Sprache mit uns.

Je tauber und blinder wir für seine Sprache sind, desto lauter und radikaler wird er in seinem Ausdruck.
Logisch, gell?
Das ist der verzweifelte Versuch der Kontaktaufnahme.

Heilung ist für mich, diese Sprache zu erlernen. Und zu erweitern.

Mein Körper hat viel Geduld mit meiner Langsamkeit im Lernen.
Ich erkenne daran seine Liebe zu mir.
Und seine Bereitschaft, mich in meiner Suche geduldig zu begleiten.

Heilung ist das Hinaustreten aus unserem inneren Kerker.
Heilung ist der wagemutige Schritt in diese Freiheit.

Meine Schlüssel sind allesamt künstlerischer Natur.
Ich benutze meine künstlerischen Mittel, derer ich viele habe, um Menschen einen Raum zu bieten, in dem sie sich ausprobieren können. Sich ausprobieren, sich erfahren, jenseits ihrer Gewöhnungen, jenseits ihrer Normalität, jenseits ihrer Zwänge.

Bin ich deshalb selbst zwangsbefreit?
Nein.
Ich arbeite nur stetig daran.
Ich setze mich mit mir und dem Leben aktiv auseinander.
Manchmal zwinge ich mich auch dazu, denn auch mich kitzelt die Bequemlichkeit, wie jeden.

Ich bin kein Guru, auch nicht erleuchtet, bin kein Wundermensch oder sonstwas.
Ich bin lediglich bereits Schritte gegangen, die mir heute ermöglichen, den Menschen die Hand zu reichen, die selbst ebenso diese Schritte gehen möchten.

Und ja, es sind Schritte auf dem Weg der Heilung.

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Ich danke all den Menschen, die sich vertrauensvoll in meine Hände begeben haben und es weiterhin tun. Sie haben mich durch ihr Vertrauen und ihre Hingabe dazu gezwungen, mich mit mir selbst und meinem Wirken auseinanderzusetzen. Sie haben mir verständlich gemacht, was meine Aufgabe ist und wohin mein Weg führt.
Ohne diese Menschen wäre ich nicht da, wo ich heute bin.


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Foto:
Heike Zanini

 

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