worte und hirnwichsen

Ich liebe das Denken. 
Ich kann mich erquickt in spritzigen Gedanken tummeln. 
Ich kann ganze Gespräche und Diskussionen in meinem Kopf führen. 
Ich kann mir mein Leben in allen Farben und Details ausmalen. 
Ich habe fast alle Mechanismen und Fallen verstanden, die mich umtreiben. 
Verstanden, analysiert, zerlegt in ihre Einzelteile, gedreht, neu zusammengebaut, getestet.

Ich bin ein Meister im Hirnwichsen. 

Worte. 
Unsere bequeme Welt wirft nur so mit Worten um sich. 
Schweiss und raue Hände sind nicht gefragt. 
Schwielen sind uncool. Intellektuelle Brillanz ist das neue Sexy. 

Social Media läuft über vor Wortkünstlern. 
Ich bin selbst einer. Auch ich schreibe, formuliere Worte und Sätze und Gedanken. Versuche auf diesem Weg den Menschen meine Welt und mit ihr meine Arbeit näherzubringen. 

Meine Arbeit.

Ich bin derzeit im Winterschlaf. 
Ich gebe gerade keine Kurse, lebe komplett zurückgezogen und langsam driften die Worte von mir weg. 
Ich muss Werbung machen, Worte in die Welt schicken, um Menschen auf mich und meine Arbeit aufmerksam zu machen. 
So läuft das. Ich träume davon, dass die Menschen irgendwann von alleine zu mir kommen, dass ich mir das Werben sparen kann, doch so weit bin ich wahrlich noch nicht. 
Also schreibe ich. 

Die Worte fliessen nicht, da meine Arbeit nur dann existiert, wenn ich sie tue. 
Nur dann, wenn ich sie lebe. 
Nur dann, wenn der andere Mensch vor mir steht. 

Ich weiss das schon lange. 
Ich kann keine Theorien verbreiten, ich brauche den konkreten Anlass. 
Habe ich ein konkretes Beispiel, dann kann ich alles erklären. 

Ich dachte, ich funktioniere eben so. 
Bis heute dachte ich nur in diese eine Richtung. „Ich bin halt so.“ 
Aber das stimmt nicht. Heute fiel der Groschen. 
Das ist die Quintessenz meiner Arbeit, nicht die Quintessenz meiner Selbst. 

Immer wenn ich lese, mit welchen Worten Trainer, Coaches, Spezialisten für Motivation und weiss der Geier was um sich werfen, denke ich: „das ist doch normal, das kann doch nicht der Grund und Boden sein, es ist die logische Konsequenz“. Speaker gehören zu den Modeberufen (wobei das schon fast wieder out ist) und laden zum kollektiven Hirnwichsen in der jubelnden Grossgruppe. Sieger ist, wer mit grösster Reichweite abspritzt. 
Verrückte Welt.

Fokus
Motivation
Erfolg

Ich habe Mühe, all diese Wortversprechungen aufzulisten. 
Dazu dann womöglich noch die Androhung „selber Schuld, wenn du nicht tust, was ich dir sage!“, wenn nach dem Wortgeplänkel keine versprochenen Resultate folgen.
Ich würde diese Menschen so gerne einmal in meinem Arbeitsraum erleben. Ich würde so gerne sehen, wie weit ihre Theorien in ihren Körper hineinrutschen. Hier und Jetzt, weil in meiner Arbeit zählt nur das Hier und Jetzt. So wie im Leben generell. 

Heute habe ich begriffen, warum ich überall auf Wortwüsten stosse. 
Worte bleiben Worte. Auch wenn sie noch so schön sind. 
Worte und Ideen sind wunderbar, doch sie kleben oben in uns, dort in der hohlen Holzkugel, wo unser Hirn wohnt.

Ich habe endlich begriffen, was den kleinen feinen, aber in der Konsequenz gewaltigen Unterschied zu meiner Arbeit ausmacht.

Ich rede nicht.
Ich handle.
Und das gilt auch für die Menschen, die zu mir kommen.

Worte und Hirnwichserei, so schön sie auch sind, bleiben vor der Türe stehen.
Im Arbeitsraum wird gearbeitet. Mit den Händen, mit dem Körper, mit dem Fleisch, mit der Emotion, mit dem Menschen als Ganzes.  Worte sind lediglich Beiwerk zur Verständigung. 

Ideen sind für mich nur dann tragbar, wenn sie umgesetzt werden. 
Und das findet umgehend statt. 

Es macht keinen Sinn, wenn mir jemand sagt „das könnte man auch so oder so machen“. 
Ich antworte dann umgehend „tu es, zeig es mir“. 

Dieses Umsetzen, das ich Einfleischen nenne, ist der Knackpunkt. 
Das, was Idee und Vorstellung war, wird umgehend zur Erfahrung. 

Der Unterschied ist enorm. 
Der Mensch geht nicht mit einem Sack voller Ideen nach Hause, sondern mit der erlebten Erfahrung der Kraft, die freigesetzt wird, sobald die Idee in den Körper rutscht. Die Erfahrung entspricht noch dazu seltenst dem, was der Mensch vorab in seinem Kopf als Idee zusammengebaut hat. 

Das ist der Unterschied. 
Dieses Detail. 
Winzig klein, aber ausschlaggebend. 

Ja, ich bin ein Meister im Hirnwichsen. 
Ich kenne alle Fallen, die der Einfleischung in die Quere kommen. 
Ich weiss, wie Ausreden funktionieren. Selbstlügen. Angst. Flucht. 
Ich weiss, wie machtvoll die allwissende Arroganz des Hirnwichsens ist. Ich kenne ihren Grössenwahn. 
Ich kenne auch die Variante der vermeintlich selbstlosen Unterwerfung in den Zweifel, ins Nichtkönnen, in die Unwissenheit, in den Komplex. 

Ohgott, ja, ich kenne das alles. Ich bin ja Mensch, nicht Überflieger.
Und ich kenne das Einfleischen. 

Kunst funktioniert nicht im Kopf. 
Kunst existiert erst dann, wenn die Form entsteht. 
Dann, wenn die Idee in die Materie rutscht und sichtbar wird. 
Es ist dabei egal, was genau die Materie ist. Auch ein Körper ist Materie. 

Und deswegen ist Kunst für mich die Königin aller Disziplinen.

.

.

Foto:
Heike Zanini

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.