verstummung

Wieso lässt die denn nicht locker?
Wie uncool ist die denn?
Die hat wohl echt ein Problem!
Die sollte mal eher zu nem Psychiater gehen! Aber das kann sie sich wohl nicht leisten, die Schelle.
Hat die denn gar keinen Anstand?
Jetzt wird sie aber geschmacklos.

Ich kann die Liste noch ewig weiterführen.

Jajaa, so ist das, wenn wir aussprechen, was nicht ausgesprochen werden soll.
Eine Lawine an Verurteilung rollt dann auf uns zu.
Und ihr einziges Ziel ist, uns zum Schweigen zu bringen.

Das ist ein spannender Prozess.
Ich arbeite mit dem Ausdruck des Menschen. Ich gehe diesbezüglich ganz unterschiedliche Wege, verbinde all meine Fertigkeiten, wie Theater, Körper, Malen, Schreiben und natürlich die Stimme.
Sie ist mein Pfeiler.
Mein roter Faden.
Sie ist das, was wir alle haben, eine Stimme.

Nicht jeder von uns macht Theater oder Körperarbeit, nicht alle malen oder schreiben. Doch jeder von uns spricht.
Mit seiner Stimme.

Wenn Menschen zu mir kommen, dann tragen sie alle mindestens einen dieser oben genannten Sätze in sich.
Sie kommen dann mit Überzeugungen wie „ich kann nicht singen“ oder „ich habe keine schöne Stimme“.
Das ist Humbug, immer.
Es ist ein eingeimpfter Irrglaube, immer.

Und unter der Maske dieses Irrglaubens keimen in aller Ruhe diese oben aufgeführten Sätze.

Oftmals weinen Menschen, wenn sie sich dessen bewusst werden.
Besonders in dem Augenblick, wenn ihre Stimme plötzlich erstrahlt und ES möglich wird. Möglich IST.
Das liebe ich an der Stimme. Sie ist ja hörbar.
Es geht nicht um ein Gedankenkonstrukt und um ein intellektuelles Verständnis von etwas, nein, die Stimme ist hörbar. Umgehend. Zweifellos.
Wir haben sofort unser Zeugnis, das wir ablegen,.
Das Zeugnis von uns selbst.

Ich liebe das.
Ich liebe es, Menschen zu hören in diesem Augenblick.
Es ist auch immer ein Augenblick der tiefen Freude.
Denn es ist der Augenblick des eigenen rohen Ausdrucks.
Ungefiltert.
Frei von all diesen Sätzen und den damit verbundenen Denkmustern.

Die Verstummung ist immer das Ziel im Tabu – Konflikt.
Das ist ja die Quintessenz des Tabus. Still sein. Nicht reden. Nicht aussprechen. Nicht stören. Nicht aus der Reihe tanzen. Nicht nicht nicht nicht nicht.

Die Verstummung ist eines der mächtigsten Machtmittel, denn wir alle sind auf Verstummung gepolt. Die wenigsten von uns wurden ermutigt, ihre Meinung zu sagen.
Die wenigsten von uns wurden ermutigt, überhaupt mal selbst zu denken.
Wie also sollten wir unsere Meinung sagen, wenn wir nicht einmal wissen, was unsere ganz eigene Meinung ist?

Wenn ich an der Stimme arbeite, dann arbeite ich am Klang der Stimme. Kein Mensch muss Inhalte wiedergeben. Im Gegenteil. Ich erlebe immer wieder, wie sehr das Hirn blockiert und hilflos wird, wenn ich am Klang arbeite. Spannend, oder?
Es ist, als hätte der Klang selbst ganz eigene Gedanken.
So als würde das Hirn mit seinen Denkmustern einen Kurzschluss erleiden. Nichts greift mehr.

Und dort, im Klang, in unserem ganz primitiven Ausdruck sozusagen, weit entfernt von schönen Parolen, sondern dort im Ausdruck dessen, was vielleicht unserem Kindsein nahe kommt, dem unverformten Kindsein, dem wilden Kind, der inneren Pippi Langstrumpf vielleicht, dort öffnet sich dann auch ein neuer Denkraum.
Denn wenn ich plötzlich doch singen kann, wenn ich plötzlich doch laut und klar sprechen kann, wenn ich plötzlich gehört werde, dann waren all diese Sätze dort oben ja nur Illusion…
Mauern meines Kerkers. Oder sagen wir die Stäbe meines Kerkers.
Und plötzlich erkenne ich, dass ich zwischen den Stäben durchschlüpfen kann, einfach so, weil ich nicht mehr verstumme…

Ist doch mal spannend, gell?

Tja, und deshalb rede und schreibe ich weiter.
Auch bei mir greift das Machtmittel der Verstummung immer mal wieder, im Grossen wie im Kleinen.
Da kann ich mich nicht einmal rausnehmen und tönen, ich sei Experte und deshalb stehe ich drüber.
Nee. Nix.
Ich habe lediglich viele Jahre Erfahrung. Und ich weiss lediglich, wie all diese Denkmuster greifen. Ich kann sie lediglich erkennen und helfen, zwischen den Stäben durchzuschlüpfen. Ich bin aber wahrlich nicht davor gefeit, selbst immer mal wieder hilflos vor meinen eigenen Stäben zu stehen und den Zwischenraum der Entschlüpfung nicht zu sehen.
Ich bin ja auch nur ein Mensch.

 

—-

Foto:
Heike Zanini

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.