wahrnehmung

Die Sache mit der Wahrnehmung.

Was ist denn das?
Da ist eine Situation und jeder Einzelne, der auf die Situation blickt, sieht sie aus einem anderen Blickwinkel.
Wer hat denn nun Recht?
Einer muss doch Recht haben, gell?
Das ist ja kaum auszuhalten, etwas nicht zu wissen. Etwas nicht einordnen zu können. Womöglich unbeabsichtigt im Unrecht zu sein. Oder unverstanden im Recht.

Die Sache mit der Wahrnehmung…

Wir leben in einer Welt, die auf Recht und Ordnung aufgebaut ist. Wir haben ein Rechtssystem, das irgendwie das umliegende Chaos in Zaun hält.
Wir erziehen unsere Kinder, damit sie in unser System passen.
Wir sind so stark konditioniert, dass wir selbst unsere eigene Wahrnehmung oftmals in Frage stellen.

Halleluja.
Da gibt einiges zu kratzen.

Ich habe keine Ahnung, was allgemein richtig ist.
Ich habe nur mich und meine Wahrnehmung.
Und ich habe den Luxus, andere Menschen um mich zu haben, die mir ihre Wahrnehmung mitteilen. Und so können wir uns austauschen und kommunizieren.
Das ist ein wertvoller Vorgang.

In meinen Kursen ist dies ein Leitmotiv.

Bei jeder Übung bitte ich die Menschen, sich wahrzunehmen. Und ihr Empfinden auszusprechen. Und immer wieder sage ich ihnen, dass sie einfach aussprechen können, dass es kein richtig und kein falsch gibt. Dass es sich für jeden komplett anders anfühlen kann. Dass ich keine Ahnung davon habe, was der Andere in seinem Körper spüren wird, woher denn? Ich bin in meinem Körper. Ich kann nur von meinem Erleben sprechen.

Eine kleine Anekdote.

In einem meiner Kurse kam es zu der Situation, dass ein Mensch auf dem Boden lag und die Gruppe sich um ihn gesellte. Die Gruppe sang gemeinsam ein Lied, ging dabei langsam im Kreis um den liegenden Menschen herum.
Der liegende Mensch hatte die Augen geschlossen und sollte einfach nur die Vibrationen geniessen.

Ja.
Jeder singende Mensch war voller Liebe und Hinwendung zu diesem liegenden Menschen.
Auch war es objektiv gesehen ein schöner, in sich stimmiger Gesang, also kein grauenhaftes Geplänkel.
Jeder singende Mensch bekam natürlich auch diese Vibrationen zu spüren und wir alle waren erfüllt und glücklich und ich weiss nicht was.

Und am Ende standen wir seelig schweigend um den liegenden Menschen herum, in voller Erwartung seines Freudenergusses und was sagte er stattdessen:
„Es war grauenhaft, kaum auszuhalten, ich wusste nicht, wie ich das durchstehen sollte und hab es halt einfach mal akzeptiert um der Erfahrung willen.“

Ist das nicht spannend?

Die Sache mit der Wahrnehmung.
Deswegen finde ich Gruppenarbeit so bereichernd, denn es gibt dann nicht nur meine Rückmeldung, sondern viele Rückmeldungen. Immer.
Ich bin nonstop damit konfrontiert, dass ich etwas sage, was für sieben Menschen passt und den achten fast in den Wahnsinn treibt. Ist übertrieben, aber das Bild ist klar.

Ist jetzt die Wahrnehmung dieses Achten falsch?
Schliesslich haben alle anderen ja eine ähnliche Wahrnehmung gehabt. Sie sind also in der Überzahl. Haben sie dann nicht automatisch Recht?

Ich finde es immer wieder aufschlussreich, wie unterschiedlich doch die Wahrnehmungen sind. Und wie bereichernd es ist, wenn wir uns austauschen und diese unterschiedlichen Welten in Berührung kommen lassen.

Für mich ist es die Basis der Zusammenarbeit.
Dazu gehört auch, dass ich jede der Wahrnehmungen als Lehrer aushalten muss.
Dazu gehört auch, dass ich deswegen nicht ein vorgefertigtes Protokoll haben kann, denn ich weiss nie, auf welche Art der Wahrnehmung ich bei anderen Menschen treffen werde.
Ich kann nur bereit sein und offen für neue Erkenntnisse.
Um dasselbe bitte ich die Menschen. Keiner braucht Vorkenntnisse, nur Bereitschaft, Neues auszuprobieren.
Ausprobieren und dann selbst entscheiden, was jeder damit machen mag.

Ich kann nur das bieten.

 

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Foto:
Heike Zanini

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