der narr

Er wird belächelt in unserer Welt.
Schon immer war das so.
Selbst im Milieu der Theatermenschen gehört er zu denen, die eher belächelt werden.
Er ist Unterschicht.
Immer.
Und genau das ist die Quelle seiner Stärke.

Der Narr steht ganz unten in jeder Hierarchie.
Schauen wir uns wieder die alten Meister an.
Chaplin, Keaton, Laurel and Hardy… immer spielten sie den Looser, immer den sozial Schwachen, immer die Niederlage.

Dieser Platz ganz unten ist notwendig, denn nur deshalb kann der Narr seiner Rolle nachgehen.
Und die Rolle des Narren ist, das aufzudecken, was sich gerne versteckt: menschliche Untiefen und soziale Missstände.
Er kann dies nur deshalb tun, weil er nichts zu verlieren hat.
Nichts.
Denn er steht schon ganz unten auf der Leiter. Er hat seinen Sturz bereits hinter sich.

Ich beschäftige mich seit über 25 Jahren mit dem Narren und habe seine Seele erst vor wenigen Jahren integriert.
Damit meine ich nicht, mich mit einer roten Nase auf die Bühne zu stellen und Scherze zu machen. Das zu tun, ist schnell lernbar. Das habe auch ich schnell erlernt.
Es geht mir um die Integration der Narrenseele.
In mich.
Als Mensch.
Nicht nur als Schauspieler.

Ich bin in meinem Leben tief gefallen. Und als Mensch fand ich das nie sehr toll. Das Leben hat mich geprüft und herausgefordert, immer wieder. Und immer wieder musste ich mich etwas stellen, was mir im Weg stand:
meinem Stolz.

Narren spielen gerne mit dem Stolz. Er ist eine wunderbare Inspiration, denn er schenkt uns das, was das Publikum zum Lachen bringt, nämlich den Absturz.
Je grösser der Stolz, desto wuchtiger der Absturz.
So ist das immer, schaut euch die alten Meister an. Der Narren Träume und Hoffnungen sind soooo gross, sie recken sich in schwindelnde Höhen, immer weiter, immer mehr. Und der Zuschauer fiebert mit und lacht schallend, wenn der arme Narr zusammenbricht.

Auch das übernimmt der Narr. Er schenkt dem Publikum seinen Absturz. So kann das Publikum erleichtert lachen, auch wenn es sich im Grunde im Narren selbst erkennt. Doch diesmal muss es den eigenen Sturz nicht fühlen, den schmerzhaften. Diesmal darf es lachen. Das ist das Geschenk des Narren an die Menschheit.

So war es schon immer, auch im Mittelalter.

Mein Mann, selbst ein Narr, sagt, dass der Narr das Ventil einer Gesellschaft ist. Wie bei einem Schnellkochtopf. Durch den Narren kann die Gesellschaft oder jedes System den Druck ablassen. Der Narr ist der Prügelknabe und zeitgleich das Gleichgewicht.
Eine Gesellschaft oder ein System, das den Narren nicht zulässt, ist die Hölle.
Spannender Gedanke, gell?

Übertragen wir es auf unser innermenschliches System.
Ich als Mensch, ich als Ganzheit.
Wenn ich den Narren in mir nicht am Leben erhalte, bin ich in der Hölle.

Das meine ich, mit dem Integrieren der Narrenseele.
Ich konnte früher nicht über mich lachen.
Überhaupt gar nicht.
Ich hatte nicht genug Selbstvertrauen, um über mich lachen zu können. Und zeitgleich nahm ich mich selbst viel zu wichtig.
Auch spannend, gell? Für mich gehören diese zwei Aspekte zusammen, sie sind zwei Seiten einer selben Medaille.

Als Narr muss ich immer akzeptieren, meine Blösse zu zeigen. Komplett. Denn ich muss ganz unten stehen, nackend. Sonst haben meine Aussagen keine Kraft.
Für mich als Mensch ist das eine interessante Auseinandersetzung mit meinem Stolz.

Ich konnte in den vergangenen Wochen nur deshalb meine Texte schreiben und Position beziehen, da ich meinen Stolz komplett zur Seite stellte.
Ich akzeptierte, ganz unten zu stehen.
Nur deshalb bin ich nicht angreifbar.
Nur deshalb.
Denn die einzigen Angriffe, die kamen, zielten darauf ab, mich in den Abgrund zu stürzen. Egal auf welcher Ebene. Doch liebe Menschen, wie soll dieser Versuch gelingen, wenn ich bereits ganz unten stehe und genau dies akzeptiere?

Einen nackten Menschen kann niemand entblössen.

Deswegen arbeite ich mit Menschen daran, zu sich zu stehen. Immer. Überall. Auch komplett seelennackend.
Deswegen glaube ich nicht an Fassade.
Deswegen sage ich frech, dass genau hier unsere grösste Stärke liegt: in uns, in unserer ungeschmückten Version.

Und ja, es funktioniert.
Denn wenn ich mich habe, dann habe ich nichts zu verlieren. Niemals.
Und weil ich nichts zu verlieren habe, kann ich offen und ehrlich ansprechen und aussprechen, was um mich geschieht.

Auch das ist Freiheit.
Gell?

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