das moralische dilemma

Gestern jährte sich mal wieder das Attentat von Charlie Hebdo in Paris. Eine Gruppe von Journalisten, deren Waffe die gesellschaftskritische Karikatur war, wurde von Feuerwaffen der karikierten Personen wild niedergemetzelt.
Die Welt war schockiert.
Am selben Tag wurde die Solidaritätsbekundung „Je suis Charlie“ geboren und wird seither für alles mögliche benutzt.

Es ging damals um Leben und Tod und immer, wenn etwas so weit ins Extreme rutscht, dann fällt die Positionierung sehr einfach. Dafür oder dagegen! Heee, es geht um Menschenleben! Töten geht gar nicht! Etc.
Wir werden sozusagen unseres moralischen Dilemma entledigt.

Aber ich bin ja frech und deshalb hole ich diese Situation ganz nahe an uns selbst heran. Das mache ich immer gerne. Kommt, Menschen, lasst uns doch einmal betroffen sein. Und dann nochmals unsere scheinbar so klare Haltung beäugen.
Das ist mein Prinzip des Einfleischens.

Und weil ich gerne konkret bin, nehme ich mich gleich selbst als Beispiel.

In den vergangenen zwei Wochen schrieb ich eine Serie von Artikeln über mein persönliches Erleben und meine persönliche Auseinandersetzung zu verschiedenen Haltungen, mit denen ich in den letzten zwei Jahren konfrontiert war.
Auf meine offen zur Diskussion gestellte Haltung gab es kontroverse Reaktionen. Normal.

Nun, all die Reaktionen, die sich meiner Haltung anschlossen, brauche ich nicht ansprechen, denn diese hat sich ja bereits in meinen Texten ausgedrückt.
Ich will die Gegenhaltung ansprechen, die finde ich hier in diesem Kontext spannend.

Die Gegenhaltung bezeichnet mein Aussprechen als Hetze.
Als Diffamierung.

Ich ging noch weiter und begann, Cartoons zu malen, ich nutze also die Waffe der Karikatur. Das ist meine Schleife zu Charlie.
Springt jetzt nicht gleich auf, weil ich Waffe schreibe. Diese Wortwahl ist ebenso meine Schleife zu Charlie.

Menschen lachen.
Und ich mache mich durch meine Cartoons lustig.
Ich pflücke Situationen auseinander, hab einen Heidenspass damit, erfinde Figuren und lege ihnen Worte in den Mund, die zu Gelächter führen.
Mache ich das auf Kosten anderer Menschen…?
Ist das moralisch vertretbar…?

Ich stelle diese Fragen in den Raum. Für euch. Für uns.

Das moralische Dilemma.
Langsam beginnen wir, den Finger in die Wunde zu legen, gell? Also weiter dorthin, tiefer hinein.

Ich selbst sage, ich decke auf und beleuchte eine Situation, ein System, menschliches Verhalten. Ich beleuchte es von meinem Standpunkt aus und ich äussere mich dazu mit ganz unterschiedlichen Mitteln, wie eben Wort und Bild, wie Humor und auch einfach nur humorlose Dokumentation meiner Gedanken.

Mein Aufdecken zieht aber Konsequenzen nach sich.
Konsequenzen für mich, doch die nehme ich in Kauf, denn sonst hätte ich ja das alles nicht angefangen.
Doch eben auch Konsequenzen für Andere.

Und immer wenn es den Anderen gibt, beginnt das moralische Dilemma, gell?

Wenn der Andere nun von Hetze und Diffamierung redet, dann klingt das gar nicht mehr nach Aufdecken, gell?

Wie ist das nun?
Heisst das, ich muss still sein, denn ich könnte mit dem, was ich zu erzählen habe, jemandem schaden?
Wie heisst das nochmals? Die eigene Freiheit hört an der Freiheit des Anderen auf?
Ist das jetzt gerade so? Ist das die Quintessenz des moralischen Dilemma?

Oder verbirgt sich das moralische Dilemma darin, dass ich etwas ans Licht gezerrt habe, das im Verborgenen bleiben sollte? Und dieser Tabubruch, dieser Verrat, dieser faux-pas ist das wahre moralische Dilemma?
Wäre ein Schweigen meinerseits dann nicht das Nichtrespektieren meiner Freiheit?

Oder ist das moralische Dilemma weder auf der einen noch auf der anderen Seite, sondern in der Mitte? Also dort, wo sich plötzlich zwei Denkräume öffnen, die komplett gegensätzlich sind und die dadurch zur Folge haben, dass Menschen im Dilemma der Auseinandersetzung sind? Womöglich umdenken müssen? In welcher Form auch immer?
Plötzlich sind sie mit ihren moralischen Werten konfrontiert und werden gleichzeitig von ihrem Interessenkonflikt in Schach gehalten…?

Machen wir die Schleife wieder zurück.
Wie war das damals?

Charlie Hebdo hat sich über islamistische Bewegungen lustig gemacht. Die Karikaturisten haben nicht vor Gottesbildern Halt gemacht. Sie haben blasphemische Cartoons gezeichnet.
Hätten sie nicht auch mit ihrem moralischen Dilemma vorab kämpfen sollen? Was hat sie überhaupt dazu getrieben? Sie wussten ja, dass sie Menschen damit auf die Füsse treten…
Sind sie jetzt selbst Schuld an ihrem Tod?

Oder die Gegenseite:
Sie hat sich entblösst gefühlt,empfand Hetze und Diffamierung. Rechtfertigt dies also in der Konsequenz den Angriff?
Ich meine, die Journalisten waren ja somit selber Schuld, oder?

Oder waren die Terroristen selber Schuld, da sie Unfug, Machtmissbrauch oder sonstwas gebaut haben und dieser dann von den Journalisten aufgedeckt wurde?

Heieiei, so ein Scheiss aber auch.
So ist das immer mit dem moralischen Dilemma:
es ist tatsächlich ein Dilemma.

So lasse ich dieses Dilemma jetzt einfach mal so stehen und bin gespannt auf eure Gedanken dazu.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.