das risiko der menschlichkeit

Das Risiko der Menschlichkeit.

Ich war Mitte 30, als Etienne in mein Leben trat.

Etienne Jalenques:
Französischer Psychiater, gründete in den 70er Jahren die Dynamique Emotionnelle Exprimée (ausgedrückte emotionale Dynamik). Diese psychotherapeutische Methode ist Teil der humanistischen Psychologie. Sie nutzt die Emotionen als bevorzugtes Ausdrucks- und Heilmittel.

Etienne war damals Anfang 70, immer adrett im edlen Anzug, sass er mit uns in seinen schallgedämpften Therapieräumen auf dem Matrazenlager. Er hatte seinen Spezialplatz, an der Wand gelehnt, wir sassen alle gemeinsam mit ihm im Kreis.

Drei Jahre war ich Teil einer seiner wöchentlichen Gruppen.
Ich habe Therapie bei ihm gemacht.
Jede Woche drei Stunden in einem Kreis von ca. 10-13 Menschen, jeden Alters, jeder sozialen Klasse.
Die Menschen kamen aus ganz Frankreich zu ihm nach Paris, manche sogar aus dem französischsprachigen Ausland.

Ich lebte damals noch in Paris und war zu dem Zeitpunkt am Tiefpunkt meiner Existenz angekommen. Auf allen Ebenen gleichzeitig.
Therapien hatte ich bereits einige Jahre gemacht, immer in Einzelsitzungen. Doch diesmal wusste ich, dass ich ein Heilen zum Thema Gruppe brauchte. Ich musste an meinem persönlichen Platz innerhalb der Menschengemeinschaft arbeiten, denn daran haperte es gewaltig bei mir.

Etienne’s Methode hat mehrere Farben, doch ihr Grundpfeiler basiert auf einer klaren Regel:
Echte ( im Sinne von unmaskierte) Menschen machen ehrliche Aussagen, immer basierend auf ihr eigenes Empfinden und somit natürlich von sich selbst ausgehend.

Das ist nichts Besonderes in der therapeutischen Arbeit.
Besonders war nur ein Punkt:
Etienne nahm sich als Therapeut nicht aus dieser Regel heraus.

Er ging das Risiko der Menschlichkeit ein.
Immer.
Zu jedem Zeitpunkt.
In jeder Situation.
Dadurch wurde er für uns alle zu einem greifbaren Menschen.
Er erfüllte ganz klar seine Rolle als Psychiater, aber er lebte diese Rolle immer als komplett sichtbarer Mensch.

Il se mouille.
So sagt man auf frz.
Es bedeutet, dass sich jemand in eine Sache impliziert, indem er Risiken eingeht. Er macht sich nass, wörtlich übersetzt.

Warum schreibe ich hier auf FB so, wie ich es tue?
Warum erzähle ich aus meinem Leben oder erläutere anhand persönlicher Beispiele meine Gedanken?

Ich bin mir darüber bewusst, dass ich dadurch von so manchen Menschen durchanalysiert und vollinterpretiert werde. Ich habe einige spassige Stellungnahmen zu mir gelesen.
Sie gingen von Exhibitionismusbedarf bis verzweifelte Onlinetherapie aufgrund mangelnder finanzieller Mittel für einen professionellen Therapeuten.

Aber nein, ich mache das tatsächlich aus einem anderen Grund.
Ich gehe das Risiko der Menschlichkeit ein.
Denn neben all dem Wertvollen, das ich von Etienne in diesen Jahren lernen durfte, war der Ausdruck seiner Menschlichkeit das grösste Geschenk.

Sätze wie „Nous n’autorisons à l’Autre que ce que nous autorisons à nous-mêmes.“ verbergen hinter ihrer scheinbaren Banalität eine komplette Welt.
Wir erlauben dem Anderen nur das, was wir uns selbst erlauben.

Er lebte alle seine Lehren.
Damit wir alle in unsere menschliche, psychische und emotionale Entfaltung gehen konnten, lebte er sie uns vor.
Und zwar ohne Tabu.

Ich werde diese Tage noch über das Thema Raum schreiben. Raum ist etwas, das in meinem Denken eine vorrangige Rolle spielt. Mit vielen Facetten. Raum ist für mich genauso wichtig wie die Achse, die ich bereits mehrmals erwähnte.

Etienne öffnete in uns durch seine Offenheit und menschliche Sichtbarkeit Räume, von denen wir unter Umständen nichts wussten, weil wir sie uns nicht erlaubten.

Das Risiko der Menschlichkeit…

Ich gehe hier jeden Tag aufs Neue das Risiko der Menschlichkeit ein.
Menschlichkeit nicht im Sinne einer Tugend, sondern als klare Haltung dessen, was ich in erster Linie bin, nämlich ein Mensch mit vielen Qualitäten und ebenso vielen Fehlern.

Ich glaube tatsächlich, dass sich dieses Risiko zur Menschlichkeit lohnt. Ich glaube sogar, dass es notwendig ist, um in eine echte Begegnung und in einen lohnenden Austausch zu kommen. Ich glaube, dass Menschenarbeit nur in dieser Form effektiv ist. Ich glaube sogar, dass sie nur so Sinn macht.

Aber natürlich bricht diese Haltung mit vielen Regeln, beispielsweise im Rechtssystem.

Und gleichzeitig erinnere ich mich an Gruppensitzungen, in denen einer der anderen Psychiater aus Etienne’s Zentrum in unsere Gruppe kam, weil er etwas zu klären hatte. Und da es auch vorkommen konnte, dass ein Gruppenmitglied in eine andere Gruppe ging, konnte es vorkommen, dass sich Therapeut und Klient in derselben Gruppe begegneten, beide jedoch in der Rolle des Klienten.

Schlimmer noch…

Etienne arbeitet mit dem Ausdruck der Emotion. Manchmal konnte ein Mensch sich nicht in Worten ausdrücken, er fand sie nicht. Dann bat er um einen Ton. Manchmal kam auch dieser nicht. Manchmal war da nur ein offener Mund, nichts weiter.
Etienne suchte dann den Ausdruck, den Ton, den Seufzer, den Schrei.
Stimme ist mein Gebiet. Und da wir alle Teil der Arbeit waren, bot ich meine Hilfe an, denn ich wusste, wie ich den Ton holen konnte. Und wenn der betroffene Mensch einverstanden war, half ich ihm.
Das stellte niemals Etienne’s Kompetenz in Frage.

Jajaa… Ich kann den Aufschrei durchs Netz hören…
Es funktionierte aber.
Eben weil die Rollen klar waren.
Immer.
Und weil wir alle wussten, dass wir alle Menschen sind. Und alle auf dem Weg.
Wir konnten so alle das Risiko der Menschlichkeit eingehen.

So arbeite ich in meinen Gruppen.
Wer meint, in mir einen unnahbaren Gruppenleiter zu finden, der alles weiss und dem nie irgendwas anzumerken ist, irrt sich gewaltig. Ich leite meine Gruppen in meiner Rolle als Lehrer, aber auch in kompletter menschlicher Nahbarkeit. Zu jedem Zeitpunkt.
Je me mouille.
Ich werde genauso nass, wie jeder meiner Teilnehmer.
Und nur, weil ich das so mache, erziele ich die besondere Qualität in meiner Arbeit, denn durch meine Haltung erleichtere ich allen, das Risiko der Menschlichkeit einzugehen.

2 Kommentare bei „das risiko der menschlichkeit“

  1. „idee“ im französichen = vielleicht „vorstellung“ im deutschen?
    grüsse
    ich stelle dir einen freundschaftsantrag, wenn ich darf, dann kann ich dort kommentieren

    1. miRjana petRicevic sagt: Antworten

      Ja gerne, einfach machen. Wir sehen uns auf FB.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.