drei jahre psychiatrie…

Ehe ich 2016 meine Schreinerlehre begann, habe ich drei Jahre in der Psychiatrie gearbeitet. Als Pfleger, als Begleiter, als Erzieher. Die frz Terminologien entsprechen nicht den deutschen, ebensowenig das System an sich.
Unsere Institution wurde 1987 gegründet, initiiert von Eltern mit schwer autistischen Söhnen und Töchtern und motivierten Sozialarbeitern und Handwerkern. Ihr Sitz ist tief in den Cevennen, am Rande eines kleinen Bergdorfes.
Der Grundgedanke war, den Menschen ein Leben zu ermöglichen, das irgendwie an eine Normalität erinnerte.
Es war ein innovatives Projekt, denn die Bewohner (frz.: les résidents) dieser Institution wären allesamt anderswo in der geschlossenen Anstalt gelandet. Hier allerdings lebten sie in kleinen Wohngruppen von 6 Menschen, nonstop betreut von einem bzw zwei Erziehern (frz.: les éducateurs).
70% der Bewohner waren in schweren Autismus eingekapselt, 30% hatten andere Hintergründe mit verschiedenen psychischen Einschränkungen, die nie wirklich diagnostiziert wurden. Die Grundidee war, eben nicht in Schubladen zu stecken. Konfrontiert waren wir mit Menschen mit regelmässigen psychotischen Schüben, Schizophrenie etc.

Ich will lieber beschreiben, um einen Eindruck zu vermitteln.

Alle Bewohner waren volljährig, viele lebten von Anbeginn an in dieser Institution, d.h. sie waren zwischen 35 und 50 Jahre alt.
Kaum jemand konnte sprechen.
Jeder Mensch war komplett anders und funktionierte komplett anders. Verallgemeinerungen in irgendeiner Form zu machen, war unmöglich.
Manche wehrten sich vehement, in ein Fahrzeug zu steigen.
Manche waren schwer autoaggressiv, andere griffen auch Andere an.
Konkret bedeutet das, sich den Kopf an der Wand blutig schlagen.
Sich in die Hände beissen, die gänzlich mit dicker Hornhaut überzogen sind, eben durch jahrzehntelanges Beissen, spröde, ausgerissen, Wunden.
Sich alles einverleiben, was herumliegt, also nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Steine, Werkzeug, Spielsachen, Schlüssel, Feuerzeuge, Reinigungsmittel.
Regelmässige Fluchtversuche (frz.: la fugue), im Grunde nur Neugierde und Abenteuerlust bei einigen, die wir dann suchen mussten.
Manche wollten ihre Kleider nicht auf dem Leib lassen.
Andere urinierten wo immer es passte, besonders gerne nachts im Bett.
Die Liste geht ewig so weiter.
Ein bunter Haufen. Oftmals hardcore.

Unsere Arbeit bestand darin, mit im Alltag zu leben und jeden Einzelnen soweit möglich in alltägliche Arbeiten mit einzubeziehen.
So hatte jeder wöchentlich einen anderen Dienst. Beispielsweise beim Kochen helfen, oder bei der Wäsche oder beim Einkaufen oder beim Müll etc.
Mit Helfen kann auch nur Begleitung gemeint sein, also einfach nur Anwesenheit, denn nicht immer war mehr möglich.

Ist das System gut oder schlecht? Darum geht es mir jetzt hier nicht. Ich möchte nur ein Bild erschaffen.
Die Wohngruppen waren geschlechtergemischt und auch pathologisch gemischt. Überall waren Bewohner, die ihre Aggressionen auch nach aussen richteten. Überall waren sozusagen Pulverfässer.

Ich hatte mich dort beworben, weil ich in einer tiefen Menschenkrise steckte und nicht mehr mit sogenannten normalen Menschen in Kontakt sein wollte. Ich ertrug es damals nicht, dass Menschen ein vermeintlich gut funktionierendes Hirn hatten und es einfach nicht nutzten.
Ich musste meinen Lebensunterhalt verdienen. Die Region, in der wir lebten, wird in manchen Touristenführern das Armenhaus Frankreichs genannt, es gab kaum Arbeit, ausser saisonbedingt im schlecht laufenenden Tourismus. Finanzkrise eben.
Ich in meiner Menschenkrise sagte mir, lieber arbeite ich mit Menschen, die pathologisch gesehen anders denken oder funktionieren. Und nicht wegen einer unreflektierten Haltung ständig im Drama hängen und Machtspielchen betreiben. Ich war tief menschenmüde.

Ich habe diese drei Jahre geliebt.
Bei all der Schwere unserer Arbeit war das Zusammenleben doch ganz wunderbar.
Klar, ich musste in vielerlei Hinsicht Ekel überwinden, wenn es um sämtliche Körperausflüsse ging. Doch schlussendlich war das das kleinste Problem.
Die Krisenmomente waren die wahre Herausforderung. Und die waren nahezu täglich.

Jede Woche war in jeder Wohneinheit Gruppengespräch mit den Bewohnern, den Erziehern und einer Psychologin. Gesprächsrunde mit nicht sprechenden Menschen. Für die Meisten war dies ein Moment der Qual.

Wie gehabt, es geht nicht darum, zu urteilen, wann Missbrauch anfängt etc. Ich möchte nur Tatsachen wiedergeben.

Ich erinnere mich an das erste Gruppengespräch, an dem ich teilnahm (jeder neue Begleiter fing erstmal mit der Teilnahme an einem Gruppengespräch an, viele kamen danach nie wieder). Ich hatte den Eindruck, in einen Wirbelsturm geraten zu sein, ich krallte mich mit beiden Händen an meinem Stuhl fest, um nicht wegzufliegen. Die Emotionen um mich herum waren so roh und ungefiltert, so laut, so unmittelbar, dass ich voller Angst war.

Ich habe diese drei Jahre geliebt.

Ich habe unendlich viel gelernt, gewiss, null intellektuelle Gespräche über Gott und die Welt und die Gesellschaft und Politik und Geschichte und und und.

Ich habe gelernt, Menschen wieder auszuhalten. Und zwar ungefilterte Menschen. Keine konditionierten Menschen.

Ich habe gelernt, Fels in der Brandung zu sein. Und zwar wirklich. Denn ich habe noch nie so sensible Menschen erlebt, die jeden Schein blosslegen. Ausser vielleicht Kinder, die haben auch diese Gabe, wenn sie nicht zurechtgestutzt werden.
War ich selbst nicht tief in mir verwurzelt, dann flog mir der Tag um die Ohren. Und unsere Tage waren lang, wir arbeiteten hauptsächlich in 12 Std – Schichten. Es kam immer wieder vor, dass eine Ablöse nicht erschien, ich habe manchmal auch 21 Std am Stück gearbeitet. Das sind eben die Realitäten, die nirgendwo aufgeführt werden.

Ich habe hier mehr gelernt, was Theaterarbeit angeht, als in den 15 Jahren Theaterarbeit zuvor. Klar, nicht was die Konstruktion von Theaterstücken etc angeht. Doch in Bezug auf Überzeugung und Einfleischen waren diese drei Jahre die beste Schule.
Das meine ich mit Fels in der Brandung.
Gelassenheit inmitten des Chaos.
Klarheit und Ruhe, auch wenn alles um uns herum zusammenbrach.
Wachheit, um jede Krise bereits im Keim zu erkennen. Und bestenfalls abzufangen.
Und immer wieder Lebendigkeit, um einen schönen Alltag für alle zu gestalten, ein sogenanntes normales Leben eben.

Mich haben diese Menschen wieder mit der Menschheit versöhnt.
Ich könnte heute nicht hier schreiben oder meine Kurse geben, hätte ich nicht diese drei Jahre erlebt.
Ich trage sie wie einen Schatz in mir. Noch heute.

Ich bin dank dessen unerschütterlich geworden.
Das merke ich in meinen Kursen, wenn jemand einen schwierigen Moment hat. Es macht mir keine Sorgen, ich weiss, dass ich Fels sein kann. Es genügt, dass ich mich dazu entscheide.

Menschen machen mir keine Angst mehr. Ungefilterte rohe Emotion auszuhalten und zu begleiten, ist eine solch intensive Auseinandersetzung mit uns und unseren Grenzen. Wir tragen sie alle in uns, versteckt und vergraben unter Erziehung und Konditionierung. Weit unter unserer Scham. Hauptsache unsichtbar.

Ich habe gelernt, mich auf alle meine Antennen zu verlassen. Ich habe gelernt, den Raum zu spüren um mich herum, nicht nur die Menschen.

Ich habe gelernt, alles zu hören, jeden Atemzug wahrzunehmen, jede noch so kleine Bewegung, die aus der Gewöhnung fällt, denn Worte gab es nicht. Ich musste den ganzen Rest wahrnehmen und verstehen.

Ich habe gelernt, in der Gegenwart zu leben, radikal. Jeden Moment zu geniessen, wenn Frieden und Freude anwesend waren. Und auch in jeder Krise zu wissen, dass sie nicht ewig dauern würde.

Ich habe gelernt, da zu sein. Einfach da zu sein. Nicht immer eine Lösung zu haben, aber trotzdem präsent sein zu können. Manchmal genügt es, die verlässliche Anwesenheit zu sein, ohne all den Helferanspruch.

Ich habe gelernt, wie entspannend Menschen sind, die nicht in Lüge und Fassade leben, weil es das Konzept von Lüge und Fassade nicht in ihrem Weltbild gibt.

Ich habe gelernt, wie einfach und innig Miteinander ist. Und wie es sich auch ganz schnell wieder löst. Denn jetzt ist jetzt. Heute ist heute. Morgen ist ein anderer Tag.

Ich habe gelernt, auf das Kleine zu schauen. Auf die Dinge, die wir meistens gar nicht mehr wahrnehmen, da sie nicht hype genug sind. Kleine Dinge wie ein friedvoller Abend, vielleicht mit dem einen oder anderen Lachen. Vielleicht nur ein kurzer Körperkontakt, der ein kaum sichtbarer Ausdruck von Sympathie war. Vielleicht ein Schnurren oder Brummen, das warm war und nicht panisch.

Ich habe gelernt, vertrauenswürdig zu sein. Wirklich vertrauenswürdig, nicht nur im intellektuellen Konstrukt. Sondern ein Mensch zu sein, der soviel Vertrauen erschaffen kann, dass eine gemischte Gruppe Mensch sich hingeben kann. Und zwar wirklich, im Rohzustand. Das spielt sich auf ganz animalischen Ebenen ab, weit weg von unserem zivilisierten Konzept.

Ich habe von diesen Menschen viel über mich selbst gelernt.

Und ja, keiner von ihnen wäre in unserer Gesellschaft autonom lebensfähig, keiner hat studiert oder kann sonst irgendwelche Auszeichnungen vorweisen. Sie gehören für viele zum gesellschaftlichen Ausschuss.

Von all meinen Lehrern, die ich in meinem Leben erfahren durfte, gehören sie allerdings eindeutig zu meinen grössten Lehrmeistern.

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