hilflosigkeit

Das Erste, das mir hier entgegenschlug, war Hilflosigkeit.

Hilflos.
Machtlos.
Ohnmacht.
Frz. : impuissance.
Zurückübersetzt auch Impotenz.

Ich nehme all diese Worte, da jedes von ihnen andere Bilder in uns wachruft.

Ich mache einen intensiven Sprachkurs in Kroatisch, wir hatten gleich zu Beginn ein kurzes Testgespräch, um in eine entsprechende Sprachniveaugruppe eingeteilt zu werden.

Blutiger Anfänger bin ich nicht mehr, also kam ich in die nächste Gruppe mit 7 anderen Menschen. Wir haben alle unterschiedliche Hintergründe und auch unterschiedliches Wissen.
Ich verstehe viel, erstaunlich viel, aber ich kann nicht sprechen. Ich hatte bisher nur zwei grammatikalische Fälle angesprochen, im Kroatischen gibt es sieben (!), und alles und jeder passt sich irgendwie aneinander an, Adjektive, Zahlen, Substantive etc. Anderer Fall, andere Endung, anderer Sinn.
Auch konnte ich vor dem Kurs nur das Verb „sein“ konjugieren, im Präsens. Ich hatte Berufsbezeichnungen gelernt, einige Adjektive, einfache Sätze. So kam ich in den Kurs.

Vom ersten Tag an war ich komplett überfordert, denn es wurden umgehend alle Fälle auf einmal angesprochen, hundert Verben konjugiert, auch im Futur und im Perfekt, das Niveau ist weit über dem Bereich meines Verständnisses.

Das Kurstempo ist rasant.
Ich nehme immer wieder zwischendurch eine Einzelstunde mit meiner Privatlehrerin via skype, damit sie die Löcher in meinem Hirnkäse ein wenig füllen kann. Damit ich wenigstens verstehe, was da geschieht.

Wichtig ist nicht die Frage, warum der Kurs ist, wie er ist, sondern wie es mir dabei geht.

Wie gehabt, ich verstehe viel. Und ich begriff nicht, warum. Ich habe keinerlei Erinnerung daran, dass ich je kroatisch gesprochen habe. Und seit zwei Wochen steige ich ab in einen verschütteten Teil meiner Selbst, der tief mit dieser Sprache und Kultur verbunden ist.

Das Erste dabei war die Hilflosigkeit.

Sie kam, als ich versuchte, auf Kroatisch zu sprechen. In mir der Drang, meine Gedanken auszudrücken, meine Gefühle, mich. Und zwischen mir und der Welt eine Mauer, die Mauer der Sprachbarriere.

Ich kenne das Gefühl sehr gut. Auch die unendliche Müdigkeit, die diese Situation, dieser kastrierte Drang auslöst. Ich bin Anfang 20 in die italienische Schweiz zu meiner Theaterausbildung gezogen ohne ein Wort italienisch zu sprechen. Ich zog Mitte 20 nach Frankreich, da sprach ich zwar schon französisch, doch alle Franzosen sprachen so schnell, dass ich nichts verstand.
Doch damals war noch soviel Anderes in meinem Leben. Diesmal bin ich ganz konzentriert mit dem Erfassen dessen beschäftigt, was meine eigentliche Muttersprache mit mir macht.

Ich lebe ein Experiment.

Ich denke an meine Eltern, die mit Anfang/Mitte 30 als Gastarbeiter nach Dtld kamen.
Ich denke daran, dass meine Mutter heute sagen kann, dass sie die ersten 20 Jahre wie tot war.
Wie tot.
Wegen der Sprache.
Ich verstehe das.
Die Wucht, die in meinem Körper entsteht, wenn ich keine Worte habe, keinen Ausdruck, diese Wucht muss irgendwo hin. Es ist die Wucht der Ohnmacht.

Wir denken oft, Ohnmacht wäre lahm. Irgendso ein Wischiwaschigefühl. Konturenlos. Wie in Watte gepackt.

Das ist aber nicht die Ohnmacht, sondern die Etappe danach. Das ist bereits eine Konsequenz der Ohnmacht.

Denn die Ohnmacht selbst hat eine gewaltige Wucht.
Puissance – impuissance.
Macht – Ohnmacht.
Potenz – Impotenz.
Das sind keine Wattegefühle.
Das sind Stürme.

Ich dachte an die Gewalt in meinem Elternhaus und ich begriff, dass sie Ausdruck der Ohnmacht war.
Diese Wucht, die auch ich in mir spüre, die musste irgendwo hin.

Stellen wir uns vor, dass die Ohnmacht eine Glaskugel um uns erbaut, wir können zwar hindurchblicken, aber der Andere sieht uns nur verzerrt und er hört uns nicht.

Entweder prallt unsere Ohnmacht an der Kugel ab und richtet ihre Wucht gegen uns.
Wir verstummen beispielsweise.
Oder wir werden gefühlstaub.
Oder wir zerstören uns in anderer Weise selbst.
(Ich halte heute übrigens die Verstummung mehr denn je für einen gewaltsamen Akt gegen sich selbst.)

Oder aber die Wucht richtet sich nach aussen, zerbricht die Kugel und vergräbt unser Gegenüber unter den Scherben.

Hilflosigkeit mündet immer in Gewalt, entweder gegen sich selbst oder gegen den Anderen.
Gewalt hat viele Gesichter.
Das sind nicht nur laute Schläge.
Gewalt kann auch sehr leise sein.
Gewalt kann Totenstarre sein.
Unterdrückter Ausdruck.
Schweigen.
Worte.
Gesten.
Blicke.
Nichtblicke.
Gewalt hat alle Farben.
Sie ist so vielfältig wie unsere Fantasie.

Ich denke an die Menschen, mit denen ich arbeite.
Ich bin immer wieder mit Ohnmacht konfrontiert.
Ich glaube nach all den Jahren, in denen ich mich mit der Stimme befasse, dass die Ohnmacht einer der Hauptgründe ist, warum Menschen verstummen.

Achtung, ich trenne da ganz klar.
Ich rede vom Klang der Stimme. Nicht von den Worten.
Viele Menschen können reden ohne Ende, es hat ihnen nicht die Sprache verschlagen, aber den Klang.
Der Klang ist etwas Anderes als das Wort.
Der Klang ist die Qualität des Transportmittels des Wortes.
Der Klang ist unsere emotionale Identität. Er hat nichts mit intellektuellem Wissen zu tun. Wir können klanglos schlau sein.

Ich denke an all die Migranten, die in fremden Sprachen landen und in ihre Verlorenheit stürzen.
Ich denke an all die Vorurteile, die solchen Menschen entgegengebracht wird. Wir müssen es erstmal am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, hinter einer Sprachbarriere zu stehen und diese tiefe Ohnmacht zu fühlen.

Sie ist riesig.
Sie ist wuchtig.

Wir alle tragen Ohnmacht in uns.
Nur ist es mal wieder sehr uncool, hilflos zu sein.
Lieber übertünchen wir, labern, flüchten, verdrehen.
Immer dasselbe.
Oder lieber schweigen wir.
Halten uns für ausdruckslos.
Finden uns nichtssagend.
Verstummen bis tief in unser Knochenmark.

Ich bin froh, meine Ohnmacht zu spüren.
Sie erschöpft mich komplett.
Ich fühle mich überwältigt von ihr.
Trotzdem bin ich dankbar.
Ich verstehe meine Familiengeschichte besser.
Ich verstehe meine Schüler wieder besser.
Es tut gut, immer wieder einen Erinnerungsschlag zu bekommen. Immer schön wach bleiben. Immer schön alles anschauen. Erfühlen. Erfahren. Vom heutigen Standpunkt aus.

Lässt du deiner Hilflosigkeit Raum?
Kannst du sie aushalten?
Wie gehst du mit ihr um?

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