lüge nicht…

Lüge nicht, sondern arbeite mit dem, was du bist.

Vielleicht ist das eine sonderbare Haltung für einen Schauspieler, denn wir könnten meinen, dass auf der Bühne alles Lüge ist.
Doch nein, dem ist nicht unbedingt so.

Es gibt viele unterschiedliche Methoden, wie Schauspieler an ihrer Rolle arbeiten. Manche kommen von der psychologischen Analyse, andere basieren auf dem Körper, wieder andere suchen in den eigenen Erfahrungen. Wie überall gibt es sich widersprechende Strömungen, deren Verfechter sich am liebsten die Augen gegenseitig auskratzen würden.

Ich war schon immer ein Wanderer, in allen meinen Unternehmungen.
Das liegt vielleicht am tief in mir verankerten Migranten.

Mein Berufsleben war kunterbunt wie bei vielen Bühnenmenschen in Frankreich. Wir arbeiteten von Auftrag zu Auftrag, von Projekt zu Projekt.
Manchmal waren wir auch länger Teil einer Kompanie, so war ich vier Jahre lang Klinikclown.

Lüge nicht, sondern arbeite mit dem, was du bist und wie du dich fühlst.

Das war eine der wichtigsten Lehren, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe und die mich auch heute noch trägt, ganz gleich, was ich mache.
Es ging um eine ganz einfache Situation. Ich war müde, vor mir lag ein langer Arbeitstag, keine wirkliche Pause, Improvisation ohne Unterlass, also Kreativität zu jedem Zeitpunkt. Wir hatten keine vorgefertigten Nummern, wir wussten durch das Vorgespräch mit den Krankenschwestern ungefähr, was uns hinter einer Zimmertür erwartete, doch der Mensch ist wankelmütig, Gefühlszustände brechen schnell in sich zusammen, besonders in Extremsituationen. Krankenhaus ist Extremsituation, auch wenn es um Langzeitpatienten geht.

Nutze deine Müdigkeit und tu nicht so, als wärst du voller Energie.
Nur wenn du deine Müdigkeit akzeptierst und mit ihr spielst, kann sie sich wandeln und du kannst Energie schöpfen für den Tag.
Kämpfst du gegen sie an oder übergehst du sie, dann wirst du zusammenbrechen.

Wir waren Clowns.
Wir waren frei.
Und so betrat ich mit meinem Partner die Zimmer und spielte mit meiner Müdigkeit. Was macht wohl so ein erschöpfter Clown? Wo will er überall jetzt sofort ganz spontan einschlafen? Zu was ist er bereit, nur um an eine kleine Mütze Schlaf zu kommen?

Ich glaube, das System ist klar.
Die Ideen kamen von selbst, plötzlich war schon am frühen Morgen Material da, mit dem wir improvisieren konnten und auf dem wir unseren Tag erstmal aufbauen konnten.

Die kleine und einfache Grundregel ist heute meine Lebensregel.
Immer, wenn ich in die Lüge rutsche, weil ich versuche, etwas zu sein, was ich nicht bin, dann denke ich an diese Regel.
Immer, wenn ich versuche, originell zu sein, die supertolle Idee zu haben, interessant zu sein, dann denke ich an diese Regel.

Steh zu deiner Wahrheit.
Steh nicht nur zu ihr, sondern nutze sie.
In deiner Wahrheit liegt deine Kraft verborgen.

Ich habe diese Regel auf alles übertragen.
Ich habe festgestellt, dass ich durch diese Regel ganz anders mit meinen Energien umgehe.
Ich habe es mir in meiner Arbeit zum Credo gemacht, dort zu beginnen, wo der Mensch gerade ist.
Ich erlebe immer wieder, dass genau dort, in seiner Wahrheit, in unserer Wahrheit, alles drin ist.
Dort verbirgt sich restlos alles, was wir brauchen.
Von diesem einen konkreten Punkt aus erschliesst sich die gesamte Persönlichkeit.
Wir brauchen nur einen Ausgangspunkt, bei allem, was wir tun (erinnert euch an meine Videos zum Thema Achse), dann können wir uns ungehindert ausweiten.
Die einzige Schwierigkeit ist, zu uns zu stehen, und zwar von Anbeginn an.

So arbeite ich mit Menschen.
Ich gehe immer von ihrer heutigen Realität aus.
Ich nenne das Bestandsaufnahme.
Wo bist du hier und jetzt gerade in dir?

Wir sind es nicht mehr gewohnt, da zu sein.
In dieser Bestandsaufnahme.
An diesem einen ganz konkreten und präzisen Punkt.
Ihm Aufmerksamkeit zu schenken und zu wissen, dass er in zehn Minuten schon wieder ganz woanders sein kann.
Denn wir sind ja Menschen, wankelmütig, und keine sturen Roboter.

Jedesmal, wenn ein Mensch sich seiner Wahrheit nicht hingeben will, kommt die Blokade, es folgt der Stillstand, die Starre.
Es ist spannend, das mitzuerleben.
Starre kann sich im Nichtstun ausdrücken, oder auch im Gegenteil, in der Hyperproduktivität der Flucht.
Es läuft aufs selbe raus.
Jedesmal sind wir unverbunden, weil wir vielleicht urteilen, dass unser Zustand unwert ist, oder zu intim, oder uns als schwach und uncool wirken lässt oder oder oder.
Diese Unverbundenheit führt zu Leere.
Egal, was wir in diesem Zustand tun, es wird leer sein.
Unverbunden mit uns und somit unbewohnt.

Auch das ist auf alles übertragbar.
Vom Kartoffelschälen bis zum Vortrag, den wir halten.

In der Idee ist das leicht nachzuvollziehen.
Aber der Mensch ist ja keine Idee, auch wenn sich viele Menschen so sehen.
Der Mensch ist Fleisch und Blut. Es genügt nicht, etwas zu verstehen, um es dann auch zu leben.
Das ist es, was ich einfleischen nenne.
Einfleischen ist das in-den-Körper-holen der Idee.
Einfleischen ist die gelebte Erfahrung.
Einfleischen ist die Experimentierfreude mit uns selbst.

So arbeite ich.
Ich nutze alles, was ist. Alles, was den Menschen zum gegebenen Zeitpunkt ausmacht.
Und weite von dort aus den Horizont. Und zwar indem ich genau das nutze, was gerade ist.
Das Resultat ist dann beispielsweise, wach im Hier und Jetzt zu sein.
Wach für sich selbst, ohne Angst, nicht genug zu sein, und wach für sein Umfeld, den Raum und die anderen Menschen.
Begegnung findet übrigens nur dort statt.
Alles andere ist ein Aufeinandertreffen von Scheinwelten.

Lüge nicht, sondern arbeite mit dem, was du bist.
Das ist weit spannender als jede noch ach so bunte Scheinwelt.

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Foto:
Heike Zanini

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