schwanger kommt keiner ums gebären rum…

Schwanger kommt keiner ums Gebären rum…

Ich kam 1996 schwanger nach Frankreich.
Fünfter Monat.
So fing mein Leben in Paris an.
Frankreich ist hochmedikalisiert.
Ich selbst hatte gerade drei Jahre im Tessin in einem Dorf gelebt, nur auf mich und meinen Körper gehört, und mich mit Kräutern gepflegt, wenn es denn notwendig war.

Ich suchte nach etwas, was mich wenigstens ein bisschen in meiner Lebensart unterstützen konnte und fand einen Geburtsvorbereitungskurs, der sich „chant prénatal“ nannte.
Vorgeburtlicher Gesang.
Das klingt ziemlich dämlich, auch auf frz., doch es handelt sich um eine interessante Methode.
Ich liess mich zwischen meinen Schwangerschaften dazu ausbilden. Damals war ich noch sehr deutsch in meinem Denken und bat meine Ausbilderin um ein Zertifikat. Sie hat mir dann etwas auf einen Zettel notiert, ein paar Worte mit Unterschrift. Ich glaube, an dem Tag habe ich das Zertifikatsbedürfnis losgelassen. Für immer.

Chantal Verdière, die mich ausgebildet hat, war, gemeinsam mit Marie-Louise Aucher, die Erfinderin dieser Methode. Eine Hebamme und eine Opernsängerin, wobei die zweite sich jahrzehntelang der Stimmforschung gewidmet hat und zur Gründerin der Psychophonie wurde. Ihre Recherchen basierten auf den Zusammenhängen von Klang, Körper und Psyche. Und in der logischen Schlussfolgerung dem Einfluss auf die Emotion.
Sie war bereits verstorben, als ich die Ausbildung machte.

Ich gehöre sozusagen zur Anfangsgeneration dieser Methode. Damals war ich sogar diejenige, die am aktivsten in Frankreich diese Arbeit machte.
Zehn Jahre lang habe ich Schwangere auf die Geburt vorbereitet. Und diese Methode mit meinen eigenen Forschungen verflochten.

Heute sind all die Erkenntnisse, die ich aus dieser Zeit ziehen konnte, die Basis meiner Arbeit.

Schwanger kommen wir ums Gebären nicht herum.

Das ist wunderbar, denn es entsteht Dringlichkeit.
Dringlichkeit der Vorbereitung auf den grossen Moment.
Und Dringlichkeit der Wissensvermittlung, denn die Zeit ist gegeben.

Chantal war Hebamme, jedoch selbst keine Mutter, ihre Wissensvermittlung basierte auf der Haltung: ich zeige und der Andere soll selbst sehen, was er versteht.

Ich habe geboren und bei meiner ersten Geburt schnell gemerkt, dass Wissen eine feine Sache ist, aber nichts bringt, wenn der Mensch vom Schmerz überwältigt ist.

Damals begriff ich die Notwendigkeit des Einfleischens.
Meine Kurse waren Einfleischkurse.
Ich bekam dadurch einige Systemprobleme, musste mich Konflikten und Machtspielchen stellen, doch es lohnte sich. Meine Kurse waren rappelvoll. Denn ich war die Einzige, die konkret wurde. Ich war die Einzige, die offen aussprach. Ich war die Einzige, die sich ohne Umschweife den Ängsten stellte und den Schmerz nicht nur ansprach, sondern eben in eine greifbare Auseinandersetzung mit ihm ging.

Der Schmerz.
Das, was uns beim Gebären sicher ist, ist eigentlich auch fester Bestandteil unseres Lebens.

Wir alle haben einen reflexartigen Umgang mit Schmerz.
Ich ziehe lieber den körperlichen Schmerz als Beispiel heran, denn es bedarf viel psychischer Wachheit, um sich in den eigenen Reflexen auf psychische Verletzung auszukennen.
Doch Körperschmerz ist konkret und somit ein wunderbares Beispiel.
Wir können als ganzheitliches Menschensystem eh davon ausgehen, dass wir denselben Umgang pflegen auf allen Ebenen.

Wie also reagierst du auf Schmerz?
Erinnere dich an einen Sturz oder an irgendetwas, was dir körperlich sehr weh getan hat.

Manche Menschen fluchen.
Manche brüllen. Als Stimmlehrer interessiert mich dann die Art des Brüllens. Wie ist der Ton? Wo sitzt er?
Manche beissen die Zähne zusammen.
Manche drücken den Schmerz weg.
Manche betäuben sich umgehend.
Manche geraten in Panik.
Manche werden hysterisch.
Die Liste geht ewig weiter. Schmerzumgang ist sehr individuell. Und er lehrt uns viel über uns selbst.

Ich war damals ein Zähnebeisser.
Wer meine Videos gesehen hat, weiss inzwischen, dass Kiefer, Zwerchfell und Beckenboden eine spontane und reflexartige Kommunikation pflegen. Sie interagieren miteinander.

Gebären braucht einen offenen und entspannten Beckenboden.
Zähnebeissen endet in einem verschlossenen und verkrampften Kiefer.
Dementsprechend verschlossen war mein Beckenboden.
Mein spontaner Reflex auf Schmerz hatte mich überwältigt, denn ich hatte damals keinen Einfluss auf meine Reflexe.
Meine gesamte Erziehung stand mit mir im Kreissaal.

Ich begann meine Kurse während meiner zweiten Schwangerschaft und wusste, wie grundlegend wichtig das Einfleischen einer Lehre war. Ich wusste um meine Reflexe. Und ich wusste inzwischen, wie tief der Geburtsprozess in uns hineinreicht. In unsere Zellen, in unsere Erinnerungen, in unsere Erziehung, in unsere Ängste, in unsere Hoffnungen.
All das zeigt sich im Schmerz.
Bzw im Umgang mit dem Schmerz.

Mein zweites Kind kam zuhause zur Welt.
Ich bin beiden Geburten sehr dankbar. Nur weil ich zwei komplett unterschiedliche Erlebnisse hatte, konnte ich den Weg zwischen ihnen gehen.
Dieser Weg dazwischen ist die Basis meines Lehrerseins, bis heute.

Heute arbeite ich nur noch sehr selten mit schwangeren Frauen. Trotzdem arbeite ich mit dieser Basis.
Auch wenn wir uns selbst gebären, kommen wir in Kontakt mit unserem Schmerz. Vielleicht wird er eher psychisch sein. Doch unser Körper spiegelt eh alles. Es gibt also immer konkrete Arbeitsmöglichkeiten.

Wenn wir Angst vor unserem Ausdruck haben, dann durchlaufen wir einen Geburtsprozess. Nur halten wir am Ende kein Kind in den Armen, dafür aber Teile unseres Selbst.

Wenn wir unsere Schmerzreflexe durchleuchten, werden wir Antworten auf unsere Stimm- und Atemprobleme finden.
Ich musste mich gänzlich neu erlernen.
Heute beisse ich nicht mehr die Zähne zusammen. Heute atme ich durch meine Schmerz durch, höre meine Stimme, wenn ich begleitend Töne mache.
Ich stehe dadurch ganz anders in der Welt.
Alles in mir hat sich dadurch verändert. Und alles entwickelt sich täglich weiter.

Wenn wir die Dringlichkeit spüren würden, uns selbst zu gebären, dann würden wir offenen Herzens in unsere Entwicklung gehen. Leider haben wir für uns selbst keinen feststehenden Geburtstermin. Viele Menschen verschlafen ihre eigene Geburt nicht nur, sie versterben sie sogar.

Schade.
Sehr schade.

 

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