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salonpudel und strassenköter

Salonpudel und Strassenköter
(Obacht Fäkalsprache. Zarte Seelen bitte ich um Abstinenz.)

Ich ecke an.
Menschen stören sich nicht an meinen Gedanken, sondern an meinen Fingernägeln, meinen Haaren, meinem Gesicht, meiner Stimme, meinen Handbewegungen, meinem Blick, meinem Kiefer, meinem Atem und sie teilen mir ihr Leiden diesbezüglich mit. Sogar meine Möse beschäftigt manch einen. Menschen wollen nicht mein Denken diskutieren, dafür aber meinen Körper.
Anfangs wunderte ich mich, da ich selbst nicht auf die Idee komme, jemanden deswegen anzuschreiben. Im Gegensatz zu Salonpudeln rümpfen Strassenköter nicht die Nase und nehmen solche Dinge einfach hin.

Ich ecke an.
Auch gestern wieder und diesmal war es meine Fäkalsprache. Ich durchforste gewissenhaft meinen Text auf der Suche nach dem Bösewicht und was finde ich? Den Anus. Nein, nicht Arschloch, sondern ganz wissenschaftlich unpoetisch den Anus. Dabei hielt ich dieses Wort für stubenrein.
Doch was wissen Strassenköter schon über gute Stuben…

Ich ecke an.
Ich denke an meine Kurse und überlege, wie sie ablaufen würden, wenn ich statt Strassenköter Salonpudel wäre. 
Sätze wie „Es kann sein, dass ihr bei diesen Übungen furzen oder rülpsen müsst. Tut euch keinen Zwang an.“ würden sich wandeln in „Lasst uns unsere milden Winde willkommen heissen, egal aus welchen Richtungen sie blasen.“ 
Klingt nicht schlecht. Umgehend sehe ich pastellfarbene luftigwallende Hüllkleider, Kerzenlicht, Mandalamitte, selig grinsende Gesichter. Stattdessen zwinge ich meine Teilnehmer in schwarze Joggingklamotten, in der Kreismitte liegt ein Sack mit Tennisbällen und sobald sie mit ihren Körpern drüberrutschen, seufzt und stöhnt es in jeder Ecke.
Definitiv nichts für Salonpudel.

Der Strassenköter ist mir ein wohliger Begleiter.

Neugierig wie ich bin, habe ich mich mit der Welt der Salonpudel befasst. Ich bin Schauspieler. Meine Arbeit besteht auch darin, meine Umwelt unter die Lupe zu nehmen und mich adäquat in allen möglichen Gesellschaftsschichten einzugliedern. Ich kann das tatsächlich. Sitze ich bei einem klassischen französischen Dinner, dann greife ich nie nach dem falschen Glas oder Besteck. Ich kann mich mit Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft unterhalten und das in mehreren Sprachen. Nur Gehen auf High Heels nimmt mir keiner ab. 
Und trotzdem ziehe ich es vor, Strassenköter zu sein.

Gewiss schrecke ich dadurch manch einen ab. Zu derbe. Zu laut. Zu stinkig. Keine Ahnung, was Leute noch so mit Strassenkötertum assoziieren.
Ich jedenfalls kann mir schwer vorstellen, dass sich Menschen auf gleiche Weise in meine Arbeit begeben würden, wenn ich Salonpudel wäre. Wir würden nicht schamlippenflatternd in losgelöster Wildheit brüllen, sondern maximal Huuhuuhuuu rufen. Vielleicht auch nur wedeln. Oder pusten.
Würden Menschen noch ungeniert laut auflachen oder sich ebenso ungeniert mit Rotz und Tränen an meinen Busen schmiegen, wenn ich ihnen statt Schulter ein Puderdöschen hinhalten würde? Mmmh, ich zweifle.

Ich arbeite mit Status. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Lernen, also auf pädagogischer Ebene. Ich habe hier schon oft über den Narren geschrieben, der immer mit mir wandert, und dieser steht in der Hierarchie ganz unten. Das gibt ihm alle Freiheit, denn er kann nicht mehr tiefer fallen.
Ähnlich ist es beim Strassenköter.
Wäre ich Salonpudel im Lehren, dann würde ich von oben lehren. Folgt mir nach, ich weiss alles und ich kann euch den Weg zeigen. 
Als Strassenköter weiss ich definitiv nichts. Ich schreite nicht vor den Menschen, ich lege mich unter sie, mitten in ihren Dreck. Damit sie selbst sehen, dass das gar nicht so schlimm ist. Ich bin mir wahrlich für nichts zu schade. Ich möchte auf dieser Position bleiben, unter allen anderen. Denn wenn sogar ich kann, dann muss es doch möglich sein.
Ja, dazu muss ich meinen Stolz immer beiseite legen. Den Ekel auch. Doch wer braucht schon Stolz und Ekel?

Abschliessend denke ich an unser aller Anüsse. (Saperlottchen, wie geht der Plural? 😳)
Warum eckt das Benennen dieses Körperteils an? Inwiefern ist Anus weniger salonfähig als Nase? Aus beiden treten Körperabsonderungen, doch wir pudern nur einen. 

Ich denke an meinen Anus, meinen ganz persönlichen, meine Rosette, meine Rosi, an all die Arbeit, die sie Tag für Tag ohne Murren leistet, damit ich bei Gesundheit bleibe.
Ich denke an ihr zartes Fleisch, das sich wie das Innere meines Mundraumes anfühlt. Wenn ich lächle, wendet sich doch auch niemand angeekelt ab? Es wird womöglich thematisiert, wie auch meine Fingernägel, meine Haare, meine Handbewegungen oder eben meine Fäkalsprache. Menschen sind halt so. 

Ich werde Rosi heute eine Kerze anzünden. Oder vielleicht doch lieber mit etwas duftendem Öl durchkneten? Meine Muskeln massiere ich schliesslich auch regelmässig.

Ich bin dankbar. Durch den Hinweis auf meine Fäkalsprache wurde mir bewusst, dass es an der Zeit ist, meinem Anus mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dank zu zelebrieren. So wie ich manchmal Dank für meine Füsse zelebriere, weil sie mich tapfer durch mein Leben tragen.
Ich fühle mich bestätigt und werde weiterhin frech Anus, Möse und co. benennen, denn solange Menschen die Nase rümpfen bei solch selbstverständlichen Körperzonen, haben Strassenköter wie ich noch viel zu tun, ums Denken anzuregen.
Mist, wer will schon über meine Gedanken diskutieren…? Egal, dann nutze ich eben die Hinweise auf meine Körper- und Sprachunzulänglichkeiten, um mein Denken unter die Menschen zu bringen. Nichts (!) und niemand (!) ist unwert, mit Tiefe und Differenzierung bedacht zu werden. 

So bedanke ich mich bei meinen aufmerksamen Lesern, die es immer wieder schaffen, mich zu inspirieren.

Hoch lebe der Anus.
Hipp hipp hurra.