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Realitäten.

Ich schrieb bereits, wie gerne ich die Ausgangssperre in Kroatien in unserem neuen Lebensraum verbracht hätte.
Jetzt gärtnern zu können, wäre himmlisch.
Jetzt an unserem Häuschen zu bauen, wäre wunderbar und würde uns in unserer Lebensplanung weiterbringen.
Jetzt einfach draussen sein zu können, wäre ein Traum.

Wir sind aber nicht in Kroatien, wir sind in Frankreich.
Vénissieux. Vorstadt von Lyon.
Bekannt durch Frankreichs Vorstadt-Krawalle.
Massenhafte unschöne Sozialbauten gemischt mit kleinen Pavillons.
Ghetto und Kleinbürgertum.
Ein sozialer Brennpunkt.
So wie ich Frankreich seit zwei Jahrzehnten kenne.
Mein Mann und ich sind bei einem meiner Söhne untergekommen. Er lebt hier.

Als ich vor einigen Tagen zur Apotheke ging, war kaum ein Mensch auf der Strasse. Vor den Sozialbauten trieben sich nur die Dealer herum. Mein Blick dafür ist geschärft, meine Söhne kiffen, wie viele junge Menschen in Frankreich.
Deutschland hat wohl eher ein Alkoholproblem, in Frankreich wird nicht gesoffen, sondern gekifft.

Gestern war ich im Supermarkt in der Stadtmitte. Ich kannte den grossen Platz vor dem Rathaus bisher nur mit dem Wochenmarkt, umtriebig, wieder nach frz Vorstadtmanier. Das sieht hier dann ganz anders aus als der Markt im Stadtviertel von Lyon, wo mein anderer Sohn lebt. Dort ist kein Ghetto, das soziale Niveau ist höher. Und das wird natürlich auch auf den Märkten sichtbar.

Ich selbst bin vielmals in Frankreich umgezogen und habe mit meinen Söhnen in komplett unterschiedlichen Vierteln gelebt. Superschick haben wir jedoch nie gewohnt, das konnten wir uns nicht leisten. So lebten wir immer in populären Vierteln.

Das populäre Viertel.
Klingt schön, gell? 
Schmücken wir das Ganze noch und nennen es Multi-Kulti. Jetzt klingt es sogar lässig.
Nur, was ist das genau? Das populäre Viertel…

Gestern im Supermarkt ging ich durch die Gänge und schaute. Mein Mann hatte um Mehl gebeten. Es gab keines mehr. Mehl ist ein Grundnahrungsmittel. Mehl braucht man zum Brotbacken. Mehl ist Basis. Mehl fehlt.

Ich stand plötzlich vor dem Bioregal, proppevoll. Hier fehlte nicht einmal eine Keksschachtel. 
Und ich dachte umgehend an einen Post, den ich vor einigen Tagen auf FB gelesen hatte. 
Das erste, was geplündert worden sei, war das Bioregal! 
Wo war das noch?
In Berlin? München? Wien?
Na, irgendwo dort, wo man Multi-Kulti sagt.

Realitäten.

Ich bin trotz meiner persönlichen kroatischen Gartenfrustration froh, die momentane Krise hier in der Vorstadt zu erleben. Ich glaube, in meinem Garten hätte ich einen verfälschten Blick auf unsere Gesellschaft gehabt. Und ich bin nunmal ein Einsiedler, der sich immer wieder mitten in die Gesellschaft setzt, um zu verstehen. Der Van hat mich durch seine Unmittelbarkeit im Kontakt zu den Menschen viel gelehrt diesbezüglich.

Jetzt lehrt mich die Vorstadt.

Ich bin selbst ein Gastarbeiterkind und deswegen sensibilisiert für Randgruppen. Und für soziale Ungerechtigkeiten.
Ich denke an all die Menschen, die die frz Sprache nicht lesen können. Oder schreiben.

Ich bin ein privilegierter Ausländer, ich beherrsche die frz Sprache nahezu so gut wie die deutsche. Doch ich weiss, wie es mir in Kroatien geht, wo ich sprachlich untergehe mit meinen wenigen Sätzen, die nur das Allernötigste zum Ausdruck bringen.

Ich dachte an die Wichtigkeit der Sprache, als ich meinen Passierschein schrieb. Gestern. Wir müssen nämlich einen Passierschein schreiben, wenn wir das Haus verlassen.
Mir macht das keine Schwierigkeit, ich erledige das schnell.
Doch was machen die Menschen, die nicht einfach so schreiben können?

Ausdrucken, klar, man kann das Ding auch ausdrucken, braucht nur Namen, Geburtsdatum und Wohnort ausfüllen und das Kästchen ankreuzen, warum man das Haus verlässt.

Mein Sohn hat keinen Drucker. Deshalb schrieb ich von Hand.
Für mich ist ein Drucker selbstverständlich. Ich brauche ihn zum Arbeiten.
Ein Drucker ist aber in Wirklichkeit nicht selbstverständlich. Genauso wenig wie Internet selbstverständlich ist. Oder eben die Fähigkeit, zu schreiben.

Ich sprach mit meinem Sohn über seine beiden Schwestern, die in Paris leben und die jetzt mit ihren Eltern Homeschooling machen.
Kein Problem für meinen Exmann und seine Frau. Sie haben beide studiert, sind kultiviert, haben Zugang zu Wissen etc.

Ich stellte mir vor, wie das für mich als Kind meiner Eltern in meiner Kindheit gewesen wäre. Bzw wie es war.
Mir konnte niemand je irgendwas erklären. Ich ging aufs Gymnasium, meine Eltern waren nur wenige Jahre in der Schule, dann mussten sie arbeiten.

Und so denke ich an all die Kinder da draussen, die jetzt nicht mit ihren Eltern lernen können, weil die notwendige Bildung fehlt.
Oder auch einfach die finanziellen Mittel, um den für Homeschooling notwendigen Computer zu besitzen.

Realitäten.

Ich denke an all die Menschen, die kein finanzielles Polster haben, das ihnen wenigstens ein bisschen Ruhe gibt.
Ich gehöre dazu, ich habe auch keines. Und trotzdem bin ich gesegnet, denn ich bin diese Situation gewohnt und ich weiss, ich komme da immer irgendwie durch.
Ich trage aber heute auch keine Verantwortung mehr für meine Kinder. Sie sind erwachsen. Und durch unser Leben krisengeschult. Das zahlt sich jetzt aus.

Unsere Wirtschaft zerbricht.
Die Einzigen, die ich laut aufschreiben höre, sind – wie sollte es auch anders sein – Menschen, die aus den wohlständigeren Schichten kommen. Der Verlust tut weh. Autsch.

Aus den sozialen Unterschichten kommt kein Aufschrei, auch wenn der Schmerz weit grösser ist. Hier geht es real um die Existenz. In den wohlständigeren Schichten geht es nur um Polsterabbau.

Wer auf kargem Boden sitzt, baut keine Polster ab.
Der schreit nicht.
Der kämpft ums Überleben.

Realitäten.

Mich stimmt diese Zeit nachdenklich.
Menschen lassen reihenweise ihre Masken fallen. 
Gut so. Ich halte das für sehr positiv. 
Krisen zeigen Menschen immer in ihrer Kernnatur. 
Es ist so einfach, lässig zu sein, wenn alles rund läuft. 
Doch die Krise schält uns. Bis ins Mark.
Jetzt wird sichtbar, wer nur labert oder wer auch lebt, wovon er labert.

Nachdenklich schaue ich auch auf unser Gesellschaftssystem. Ja, vieles ist im Wandel, erzwungenermassen. Doch vieles ist noch weit davon entfernt, von diesem Wandel (den ich aus ganzem Herzen befürworte) positiv berührt zu sein.

Ich bin es Leid, BoBo (bourgois-bohème)-Kommentare zu lesen. Denunziationen aus der Sicht der Wohlstandsschicht. 
Jammern auf höchsten Niveau. 
Ja, ich bin es Leid.

Ich verstehe die Angst vor Verlust und Tod, denn seien wir ehrlich, hinter jeder Verlustangst steht nunmal die Angst vor dem Tod. Ja, ich verstehe. 
Ich bemühe mich immer um viel Verständnis für das Menschsein. Das gehört zu meiner Lebenshaltung. Und zu meiner Arbeit.

Aber ich bin es trotzdem Leid, dass der Tod weiterhin solch ein Tabuthema ist. Und dass so viele Menschen aus lauter Panik vor dem unsichtbaren und nicht kontrollierbaren Sterben ihren letzten Funken an Menschlichkeit und Mitgefühl verlieren. 

Von Differenzierung spreche ich gar nicht. Das scheint den Allermeisten noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Und das trotz der Bildung, die sie genossen haben.

Und überhaupt: 
Ist der Tod nicht immer unsichtbar und unkontrolliert…?

Realitäten.

Ja, ich wäre jetzt gerne in Kroatien auf meiner kleinen friedlichen Insel (nein, unser Haus steht im Hinterland, die Insel ist nur ein Bild). Doch ich bin froh, hier zu sein. 

Hier ist es unbequem. 
Hier ist es ungeschminkt. 
Hier ist es roh.

Das sind die Realitäten unserer Gesellschaft, die hinter dem Gartenzaun unseres gepflegten Wohlstandrasens liegen. 

Hier müssen wir hinschauen.
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