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mein leben mit der kunst

Ich war 20, als ich beschloss, mein Leben der Kunst zu widmen. Ich hatte keine wirkliche Ahnung, was dies in der Konsequenz bedeuten würde, doch ich wusste in seltsamer Klarheit, dass ich mich nicht für einen Beruf entschied, sondern für eine Lebensweise.

Eine Nonne oder ein Mönch, die sich mit Gott vermählen, gehen in dieser Verbindung durch Höhen und Tiefen. Mal sind sie Gott nahe, voller Vertrauen, mit überzeugtem Wissen, mal schwimmen sie in Zweifeln, entfernen sich innerlich und empfinden Leere. Es ist die Vermählung, die sie bindet, dieses Engagement führt zu einer tagtäglichen Auseinandersetzung.

Ich habe mich nicht mit Gott vermählt, ich habe einen Pakt mit der Kunst geschlossen.

Sie ist mein Wegbegleiter seit nahezu 30 Jahren. Wir hatten zeitweise ein leidenschaftliches Verhältnis, und auch ein resigniertes. Sie wurde mir zum besten Lehrmeister wie alles, dem wir uns hingeben.

Kunst ist kompromisslos.

Und ich musste so oft Kompromisse eingehen, um meine Kinder zu ernähren und die Miete zu bezahlen. Sie stellte sich mir nie in den Weg diesbezüglich, doch ich wusste, dass es in erster Linie um Broterwerb ging. Ich versuchte trotzdem, nicht alle meine Werte zu verraten und ihr treu zu bleiben.
Menschen idealisieren Künstlerleben, doch der Alltag ist weit entfernt von einem Ideal.

Kunst fordert Integrität.

Auf die Bühne zu gehen, ohne voll und ganz hinter dem zu Verkörpernden zu stehen, ist manchmal ein Gewaltakt. Doch es ist gut, immer wieder schonungslos mit sich selbst konfrontiert zu sein, auch öffentlich.

Kunst fordert Hingabe.

Sie ist nicht die stille Geliebte, die wir zwischen zwei Termine schieben können. Sie will uns ganz und gar, mit Leib und Seele. Und sie hat Recht. Wer von uns will schon halbherzig geliebt werden?

Es gab Jahre, da habe ich mich von ihr abgewendet. Genug! Bin ich auf dem Irrweg? Wer bitte braucht Kunst? Macht sie Sinn?
Ich übernahm das allgemeine unwissende Denken unserer Gesellschaft und drehte der Kunst den Rücken zu. Noch dazu bin ich ein Mensch, der mit Milieugehabe nicht zurecht kommt und so liess ich frohen Herzens alle und alles hinter mir.

Nun, das war der Plan. Als ob eine Nonne sich einfach so von Gott abwenden könnte. Wird er nicht leise an der Hintertüre klopfen, auch wenn sie das Eingangstor mit Knall geschlossen hat?
So stand auch die Kunst schnell wieder hinter mir und strich mir zärtlich über die Schulter.
Ich wollte unseren Pakt vor den Menschen verbergen, doch es waren die Menschen, die mich auf die Kunst ansprachen.

Es wird gesagt, dass sich Herrchen und Hund mit den Jahren ähneln. Vielleicht ist das mit der Kunst auch so. Irgendwann steht sie uns ins Gesicht geschrieben.

Kunst lehrt Demut.

Nicht alles, was aus mir kommt, ist Kunst. Wahrlich nicht. Kunst sind die raren Perlen, die „moments de grâce“, die die Seele streicheln.
Wir können uns unserer Eitelkeit zuwenden oder unserer Entwicklung. Ein Lebensweg in der Kunst ist eine stete Auseinandersetzung mit dem eigenen Scheitern. Und in der Konsequenz mit unserer Selbstliebe.

Kunst ist radikal.

Bin ich nicht bereit, bis tief in meine menschlichen Wurzeln zu tauchen, so wird mein Werk immer nur an der Oberfläche treiben. Es ist meine Radix, die mein Werk in seiner Blüte definiert.

Wir sind gemeinsam durch viele Stürme gewandelt und durch ebenso viele Einöden.
So ist das in Beziehungen, die um Lebendigkeit ringen.
Ich habe sie zu lieben gelernt, die Kunst.
Und was weit schwieriger ist, ich habe mich zu lieben gelernt innerhalb unseres Paktes.
Sie hat mich die Liebe gelehrt. Denn auch die Liebe ist kompromisslos, integer, hingebungsvoll, demütig und radikal.

Und wenn ich ganz frech weiterspinne, so glaube ich, dass dies der Erfahrung ähnelt, die Nonne und Mönch machen, nur auf einer anderen Ebene.
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